Pop_News_11.10.19
NICK CAVE - DAS GROSSE LAMENTO

NICK CAVE - DAS GROSSE LAMENTO

Es gibt Musik im Leben des Rezensenten, die es ihm nicht leicht macht, sich darüber zu äußern. Die Neue von Nick Cave und seiner Begleitband The Bad Seeds gehört dazu. Weil man als Außenstehender nicht wirklich gerne in die seelischen Abgründe des Protagonisten schauen möchte. Doch „Ghosteen“ lässt einem keine andere Wahl. Natürlich muss man wissen, dass Cave darauf den Unfalltod seines gerade mal 14jährigen Sohnes Arthur aus dem Jahr 2016 verarbeitet. Als er am Vorgänger „Skeleton Tree“ dran war, passierte das Grauenvolle. Die inhaltliche Richtung wurde damals nachträglich geändert, wenn auch nur teilweise. Jetzt hat den sinistren Australier das Drama mit voller Wucht eingeholt.
Es herrscht eine gespenstische Atmosphäre, über dem kompletten Geschehen. Die elf Lieder der Doppel-CD, aufgeteilt in „Kinder“ und „Eltern“, stecken in einer derart brachialen Traurigkeit fest, dass dem Zuhörer das Blut in den Adern gefriert. Das große Lamento des 61jährigen. Nick Cave war einst der coole Dandy, der Heroin-Gigolo. Nichts davon ist mehr übrig. Ein Mann, gebeutelt vom Schicksal. Der sich seiner Unbill demütig und trotzdem stolz beugt. „I am just waiting for you“, zittert die Stimme. Eine gebrochene Seele, die ins Dunkel der ewigen Nacht heult. Der Verlust des Sohns, nichts anderes als unfassbar, in seiner Endgültigkeit. Nick Cave hat ein eigentlich unerträgliches Werk vorgelegt. Wer es hingegen zulässt, wird beim Hören seelisch gereinigt. Er wird auf spezielle Art erlöst und frei sein.
Michael Fuchs-Gamböck
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tonart Ausgabe Winter 2019/4

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