Pop_News_20.12.19
ANDRÉ HELLER - POESIE PUR

ANDRÉ HELLER - POESIE PUR

Richtig singen kann er immer noch nicht. Aber gut, damit steht André Heller in einer Tradition mit Koryphäen wie Bob Dylan, Neil Young oder auch seinem österreichischen Landsmann Wolfgang Ambros. Was diese Originale mit den gewöhnungsbedürftigen Stimmen verbindet: Sie erzählen mit krächzendem Organ Geschichten, gerne ausufernd, vor allem emotional tief berührend, was in einer Ära von grellen Tweets und SMS die große Ausnahme bildet.
André Heller, eines der wenigen künstlerischen Universalgenies der Moderne, hat nach 36 Jahren musikalischer Abstinenz, mit „Spätes Leuchten“ ein neues Album vorgelegt. Alle Stücke hat der 72jährige aus Wien entweder selbst komponiert oder einfühlsam adaptiert, weil sie in das Konzept dieser so bescheidenen wie wunderbar erstaunlichen Platte passen.
Heller war nie ein wirklicher Musiker. Der ist er bis heute nicht. Stattdessen ein Entrepreneur der Kunst, ein Gesamtkunstwerk, ein Kreativ-Tausendsassa, wie sie in der heutigen schnelllebigen Zeit kaum noch zu finden sind. Er entwickelte Zirkusse mit bevorzugt afrikanischen Künstlern, gigantische Feuerwerke, Kristall- und Gartenwelten, mit denen weltweit Hunderttausende von Besuchern verzückt wurden - allesamt Erfolgsprojekte, die tief aus Hellers Inneren kommen, meist aus einer spontanen Laune heraus entstanden sind. Und durch die Bank zu Großveranstaltungen wurden, die dem Planeten ihre ganz eigene - vor allem eigenwillige - Magie verliehen. Eine Magie, welche einem kühlen Alltag prächtig als Gegenentwurf dient, wenngleich Kunst und Kitsch immer wieder nahe beinander sitzen. Aber sie reichen sich stets versöhnlich die Hand.
Doch aktuell steht die Musik im Vordergrund. „Spätes Leuchten“, wie der Albumtitel ganz richtig zum Ausdruck bringt, handelt laut Heller „in erster Linie von Glück, das ich in meinem reifen Alter erleben darf. Irgendwann habe ich zwar aufgehört, mich mit der Thematik des Liederschreibens und des öffentlich als Chansonniers Auftretendes zu beschäftigen, weil mich die Abenteuer- und Lernlust machtvoll zu anderen Ufern trieb“, gesteht Heller heutzutage seine Entscheidung, sich für mehrere Jahrzehnte vom gesungenen Lied abzuwenden. „Die Stücke dienten mir lange Zeit als Notausgänge für meine Melancholien, mein Heimweh nach mir selbst, von dem ich sehr versiegelt war.“
Und schon 1991, im Kommentar zur im selben Jahr erschienenen „Kritischen Gesamtausgabe“ seines Werks, meinte der vielfach Talentierte: „Ich habe 1967 begonnen, meine Gedichte mittels meiner Stimme über Schallplatte und in Liederabenden Millionen Menschen zugänglich zu machen. Doch 1982, also im Zenit dieser Karriere, musste ich meine Konzerttätigkeit beenden, weil es mir zur Qual wurde, um 20 Uhr vor einigen tausend Zuhörern begabt zu agieren, nur weil sie Eintritt bezahlt hatten.“
Den Knoten der Entscheidung, sich von eigener Musik zu verabschieden, durchschlug Sohn Ferdinand Sarnitz, besser bekannt als Rapper „Left Boy“. Der Papa besuchte einige Konzerte vom viel umjubelten Filius. Und stellte fest, was „für ein aufrüttelndes und schönes Erlebnis es ist, vor tausenden Menschen zu spielen. Welch enormer Energieaustausch mit dem Publikum, der da stattfindet. Diese Eindrücke haben mich mit einer merkwürdigen Sehnsucht erfüllt.“
Plötzlich kamen neue Ideen für Lieder zu André Heller. „Wie wäre es denn, dachte ich, Lieder über Erfahrungen zu schreiben, die ich bis dahin gar nicht hatte“, sinniert er. „Wie wäre es, wenn du dich musikalisch beschäftigen würdest mit dem Umstand, dass du viel mehr an Welterfahrung und Kenntnis von Zwischentönen besitzt als einst, dass du die Hälfte des Jahres in Nordafrika lebst? Und ich konnte diese Vorschläge nicht einfach nonchalant wegschicken. Im Gegenteil, ich war ihre Umsetzung meinem veränderten Bewusstsein und dem Stand der gesamten Ausbildung, die ich durchlebt hatte, einfach schuldig.“
Als Comeback sieht André Heller „Spätes Leuchten“ nicht. Eher als eine weitere vieler kreativer Zwischenstationen, die der Wiener bereits durchlebt hat. Trotzdem ist die Platte ein Alterswerk, was Heller vermutlich nicht allzu gerne hören wird. Vielleicht drückt man es als Außenstehender pragmatisch aus: Es ist genau die Platte, die nur zum jetzigen Stand in der Biografie dieses ganz besonderen Artisten entstehen konnte. Fernab der Moderne. Einfach nur Heller. Und einfach nur schön. Michael Fuchs-Gamböck
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