Pop_News_01.05.20
Heinz Rudolf Kunze – Sucher nach Wahrheit

Heinz Rudolf Kunze – Sucher nach Wahrheit

Nein, er ist nicht „Der Prediger“, verstockt und selbstversessen, den er gleich im ersten Lied seines aktuellen Albums skizziert. Mit dem Titel dieses Werks hingegen kommen wir dem Autor und Musiker Heinz Rudolf Kunze sowie seinem Antrieb zu komponieren durchaus näher: „Der Wahrheit die Ehre“. Denn sobald es um die Eindeutigkeit von Wahrheit geht, lässt der 63jährige aus Osnabrück in Zeiten von „Fake News“ nicht mit sich verhandeln.
Um der Wahrheit auch von medialer Seite aus die Ehre zu geben, sei an dieser Stelle mehr als nur lobend erwähnt: HRK, wie Kunze häufig genannt wird, ist seid bald vier Jahrzehnten einer der intellektuellsten, wortgewandtesten, dabei auch emotionalsten und radikalsten Autoren deutscher Sprache. Kunze ist Textakrobat, begeisterter und bewusster Stein jedes Anstoßes.
Musikalisch erteilte dem Mann mit der kultigen Kassenbrille das Fachblatt „Musik Express“ bereits Ende der 90er Ritterstand und Absolution gleichermaßen: „Er schafft in jedem Lied einen Bezug zu Randy Newman, Jimmy Page, Byrds, Beatles oder anderen Vorbildern.“ Genau so ist es. Nur dass dieses Mal die akustischen Kanten noch schärfer sind, dank des neuen Produzenten Udo Rinklin, ein Anfang-50er, tief verwurzelt mit dem Punk-Sound der späten 70er und frühen 80er und deren Aushängeschildern The Clash, The Jam oder Gang Of Four.
Wobei im ruppigen Akustik-Rahmen weiterhin Platz ist für steinerweichende Balladen wie „Nimm mit mir vorlieb“ oder „Wenn du ohne Liebe bist“, die HRK „ramponierte Liebeslieder“ nennt. Und ausklingen lässt Kunze das Geschehen mit einem hymnisch-sakralen Gospel, das wie sein Titel mit dem Satz endet: „Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort“. Welch tröstliche Phrase in immer unübersichtlicheren politischen wie gesellschaftlichen Zeiten.
Neben diesem akustischen Meisterstück ist gerade ergänzend ein neues Buch in den Handel gekommen, „Wenn man vom Teufel spricht - 200 Zeitgeschichten“, das HRK als „Sammlung kleiner loser Texte, Gedankensplitter, ein rasches Reagieren auf die Moderne“ definiert. Darüber hinaus laufen die Vorbereitungen für die nächste Tournee, die im Frühjahr startet, auf Hochtouren. Und zu guter Letzt ist HRK noch in einer der nächsten „Tatort“-Folgen als Tatverdächtiger zu sehen, ausgestrahlt werden soll der Stuttgart-Krimi 2021.
„Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich Workaholic bin“, grübelt der Vielbeschäftigte. „Stattdessen habe ich einfach immer nur gearbeitet. Und daran werde ich auch in Zukunft nichts ändern.“ Lohn des Engagements: „Der Wahrheit die Ehre“ ist in der Woche nach Erscheinen von 0 auf 3 in die Hitparade eingestiegen.

Wie stets bei Ihnen ist auch auf „Der Wahrheit die Ehre“ ein breites Panoptikum zwischen kernigem Rock & Roll und sehnsüchtiger Ballade zu finden. Warum immer dieser große stilistische Abwechslungsreichtum?
Ich finde ehrlich gesagt, dass ich früher noch mehr musikalisches Chamäleon war als ich das heutzutage bin. Unabhängig davon, ich brauche stets Intensität, halte mir dauerhaft die kreativen Grenzen in alle Richtungen offen. Vielleicht bin ich dieses Mal nicht mehr so verzweigt wie in der Vergangenheit, noch mehr fokussiert. Aber darüber hinaus besitze ich eben diese nie zu stillende Neugier.
Insgesamt ist mir aufgefallen, dass dieses Mal bei Ihnen musikalisch wie textlich der Ton rauer und schärfer geworden Stimmen Sie mir zu?
Mir wurde von mancher Seite aus vorgeworfen, eher sanfter und altersmilder daher zu kommen. Ich sehe das nicht so. Für mich ist die Platte eine der politischsten seit langem. Mein Manager meinte zu mir: „Gib Vollgas!“ Das habe ich gerne getan. (lacht)
Weniger Poesie, mehr Realität - ist der HRK von 2020 der Chronist des politischen Alltags?
Nee, glaube ich nicht! Manche Lieder dieser Scheibe sind durchaus lyrisch. Auch rätselhaft. Aber der politische Anteil ist nicht zu unterschätzen.
Sie betrachten Ihr neues Buch als „wohltuendes Mittel gegen den ausufernden Wahnsinn“. Wie ist das konkret zu verstehen?
Der Band ist zunächst mal eine herrliche Ergänzung zur Platte. Die Themen sind ähnliche, nur werden sie ausführlicher behandelt. Die Texte sind in den letzten ein bis zwei Jahren entstanden. Ich sehe sie in der Tradition von Meistern wie Botho Strauß oder Martin Walser. Es war spannend, mich mit all den Termini zu beschäftigen.
Um auf den Plattentitel zurückzukehren: Wie definieren Sie ganz persönlich den Begriff „Wahrheit“, für die Moderne?
Die Wahrheit ist nicht verhandelbar. Eigentlich. Doch für den Religiösen gleich welcher Couleur ist die Sache gleichfalls nicht verhandelbar, aus anderen Gründen. Da gibt es nur die eine Wahrheit - die in der Schrift festgelegt ist. Für den Philosophen stellt sich die Frage, wie gilt es „wahrhaftig“ zu leben, also ein schönes Dasein zu gestalten. Und ansonsten fürchte ich, dass derjenige die Wahrheit für sich gepachtet hat, der am lautesten brüllt und am aggressivsten ist. Eine ganz schlimme Entwicklung.
In manchen der aktuellen Lieder tritt dem Hörer trotziger Optimismus entgegen. Steht der sinnbildlich für den HRK von 2020?
Ich pfeife eher im Dunkeln. Ich bin eine Art Prometheus, der sich konstant weigert, dass permanent seine Leber aufgefressen wird. Autor: Michael Fuchs-Gamböck
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tonart Ausgabe Frühjahr 2020/1

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