Pop_News_12.06.20
Gordon Lightfoot – Lyrisches Alterswerk

Gordon Lightfoot – Lyrisches Alterswerk

Ehe man als Interviewpartner richtig zu Wort kommt, um Gordon Lightfoot nach seinem aktuellen Album „Solo“ zu befragen - übrigens dem ersten Studio-Werk seit 16 Jahren -, erzählt der 81jährige Kanadier am Telefon mit tragender, gebrochener Stimme davon, dass just am Tage davor einer seiner ältesten, besten Freunde am Corona-Virus verstorben ist. Und er deshalb gerade eben seine komplette Tour durch Kanada sowie die USA abgesagt hat. Das bringt den Ablaufplan des Gesprächs, es wurden gerade mal 30 Minuten eingeräumt, gehörig durcheinander. Wie reagieren auf eine solche Aussage? Kanada ist weit weg, dort residiert Gordon Lightfoot, das ist sein Geburtsland. Aber Corona kennt offensichtlich keine Grenzen. Dieser Erreger ist aktuell immer und überall präsent.
Aber dann erzählt Lightfoot, diese Singer/Songwriter-Legende, schließlich doch was über seine neue Musik. Über „Solo“ demnach, ein herrliches, spartanisches Alterswerk, das all die wunderbare Einzigartigkeit aufweist, für die Lightfoot seit bald 50 Jahren ein Inbegriff ist: Ausdrucksstarke Geschichten im 4-Minuten-Format erzählen, Menschlichkeit vermitteln, Empathie an den Zuhörer übertragen. Gordon Lightfoot ist der Bob Dylan, der nicht näselt, und der stets etwas zu berichten hat. Einfache Storys, die weit über den Tellerrand blicken, selbst wenn sie gerne im provinziellen Umland spielen. Kunst demnach, die jenseits von Zeit und Raum zu Hause ist, im besten Sinne des Wortes „anachronistisch“ ist.
„Ich startete mit dieser Platte vor knapp zwei Jahren“, berichtet Lightfoot in sonorem Tonfall, „am Anfang war die Idee, eine Scheibe mit kompletter Band zu fabrizieren. Aber mehr und mehr im Verlauf des Entstehungsprozesses hat sich heraus kristallisiert, dass es ein Album nur mit Gesang und Gitarre werden wird. Im Stil von Bruce Springsteen und seiner Produktion „Nebraska“. Ein Mensch, eine Stimme, eine Gitarre. Lediglich unter solchen Umständen kann man, meiner bescheidenen Ansicht nach, pure Harmonie vermitteln, die Sache aufs Wesentliche verdichten. Schönheit in seiner reinsten Form.“
Dass es über 15 Jahre gedauert hat, ehe „Solo“ fertig gestellt war, interessiert Lightfoot nicht sonderlich: „Ich bin ein alter Mann und mir meiner Betagtheit bewusst“, sagt er stoisch. „Meine Tantiemen fließen bislang regelmäßig, davon kann ich ordentlich leben. Dadurch genieße ich jegliche künstlerische Freiheit. Meine Plattenfirma lässt mir, auch aus Gründen des Respekts, die Wahl, woran ich arbeite und was veröffentlicht werden soll. Das ist ein Segen. Und zur gleichen Zeit ein Fluch. Weil ich mein Schaffen selbst beurteilen muss.“ Michael Fuchs-Gamböck
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tonart Ausgabe Herbst 2020/3

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