Jazz_News_27.11.20
Mit Till Brönner „On Vacation“ – trotz Corona

Mit Till Brönner „On Vacation“ – trotz Corona

Ein entspannt groovender Kontrabass, dezente Akkorde am E-Piano – dann setzt das Flügelhorn ein mit viel Luft und einem weichen Ton. Mit der Jazzballade „Save Your Love For Me“ von Buddy Johnson beginnt Till Brönner sein neues Album „On Vacation“, mit warmem Wohlfühlsound und vielen raffinierten Details, aber ohne Ecken und Kanten. Musikalische Urlaubsstimmung! Das von Till Brönner selbst fotografierte Coverbild zeigt ein Model mit weißer Badehaube, das Limonade mit einem Strohhalm genießt. Auf dem Foto im Booklet sitzt der Trompeter mit seinem Klavierpartner Bob James im Liegestuhl am Pool. Das Album wurde im September 2019 in Südfrankreich aufgenommen und klingt mitten in der Coronakrise wie aus einer völlig anderen Zeit. „Wir haben uns vor der Veröffentlichung schon überlegt, ob wir mit dieser Message im Augenblick vielleicht ein wenig zynisch wirken“, sagt Till Brönner im persönlichen Gespräch. „Aber wir sind ganz bewusst bei diesem Titel geblieben, weil Urlaub und Urlaub für die Seele im Augenblick immer unwahrscheinlicher werden. Täglich sind wir mit so vielen Horrormeldungen konfrontiert. Da kann so ein Album wohltuend sein.“

In den letzten Tagen hat sich der Jazztrompeter zum Sprachrohr der existentiell bedrohten Kulturbranche entwickelt. Seit seiner auf seinem Facebook-Account veröffentlichten Wutrede wurde er in vielen Medien um ein Statement gebeten. „Mir persönlich geht es gut. Ich spreche für die vielen Kolleginnen und Kollegen, denen das Wasser bis zum Hals steht. Wenn die Politik eine ganze Berufsgruppe dazu zwingt, auf ihre Arbeit zum Schutz der Allgemeinheit zu verzichten, dann erwarte ich einen angemessenen finanziellen Ausgleich dafür“, fordert Brönner. „Viel Geld wird in Form von Steuern an den Staat zurückfließen. Vorausgesetzt es gibt sie dann noch – die freie Kultur- und Veranstaltungsbranche“, so der Trompeter. Eigentlich hätte er sein neues Album „On Vacation“ im November auf einer Tournee, bei der er unter anderem im Festspielhaus Baden-Baden aufgetreten wäre, vorstellen wollen. „Ich mache gerne Alben, die wie ein Ort klingen, an dem ich gerne wäre – oder wie ein Seelenzustand, den ich mir ersehne“, sagt Brönner im Interview. Den US-amerikanischen Pianisten Bob James, der in den 1960er-Jahren mit der Sängerin Sarah Vaughan zusammenarbeitete und einige der berühmtesten Jazzmusiker für das Label CTI mit raffinierten Arrangements versorgte, hatte er schon länger im Visier – „eine wunderbare Mischung aus tiefer Emotion und der Liebe zu komplexen Arrangements. In seinen Kompositionen und Bearbeitungen hat Bob James dafür gesorgt, dass Musik immer ein Gesamterlebnis ist“, schwärmt Brönner. Alle dreizehn Stücke des Albums sind erst vor Ort in den Studios La Fabrique in Saint-Rémy-de-Provence entstanden: „Der Anfang war äußerst steinig. Wir kamen und kamen nicht zusammen, fast eine Woche lang werkelten wir, bis sich endlich ein besonderer Sound entwickelte, der dann signifikant für das Album wurde. Mit ‚Basin Street Blues‘ von Spencer Williams war der Ausgangspunkt dann geboren. Der Rest war so entspannt wie ein Spaziergang in der Sonne.“

Den 1928 komponierte „Basin Street Blues“, diese Hommage an das quirlige Nachtleben von New Orleans, machte bereits Louis Armstrong berühmt. In der delikaten Version von Bob James und Till Brönner klingt der Jazzstandard ganz fragil und transparent, mit als Farbe eingesetzten Dissonanzen am Klavier und einem butterweichen Flügelhorn. Weniger ist mehr! Viel Luft und viel Licht stecken in dieser Version, die erst am Ende ein wenig bluesig wird. Harvey Mason streichelt die Drums, Yuri Goloubev zupft dezente Linien am Kontrabass. In Brönners brasilianisch angehauchtem „Lemonade“, dem Pages-Hit „I Get It From You“ aus dem Jahr 1978 und seiner poppigen Titelnummer „On Vacation“ wird der Trompeter auch zum Sänger. „Miranda“ von Bob James mit verminderten Jazzharmonien und gedämpfter, sinnlicher Trompete ist eine exquisite Ballade, sein „Elysium“ entfaltet leichtgängige Virtuosität. Wolfgang Haffner, Harvey Mason und David Haynes spielen sich am Schlagzeug nie in den Vordergrund, sondern sorgen immer für einen fließenden, unaufdringlichen Puls. Christian von Kaphengsts klar definierte Basslinien unterstützen den flächigen Groove wie bei Till Brönners „Lavender fields“. Die klangliche Qualität des Albums ist enorm. Der Ton macht die Musik! Georg Rudiger
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tonart Ausgabe Frühjahr 2021/1

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