Jazz_News_11.05.21
Klaus Doldinger – Der Tatort-Pate

Klaus Doldinger – Der Tatort-Pate

„Der Greis ist heiss“, hat Udo Lindenberg vor wenigen Jahren über seinen ehemaligen Mentor Klaus Doldinger so launig wie ehrfürchtig verlauten lassen. Der „Panik-Rocker“ trommelte ab der Gründung 1971 bei Doldingers Formation Passport, der Kontakt zwischen den beiden Vollblut-Musikern ist nie abgerissen, auch wenn man getrennte musikalische Wege ging.
Am 12. Mai feiert Doldinger seinen 85. Geburtstag, unmittelbar davor ist die schnieke 2-CD-Box „The First 50 Years Of Passport“ in den Handel gekommen. Doldinger ist aktuell ziemlich traurig, dass er nicht wie geplant Konzerte anlässlich des 50jährigen Bestehens seiner Formation absolvieren kann. Genau - der Greis ist heiss!

Als Sie die Auswahl für „The First 50 Years Of Passport“ zusammen stellten - welcher Art Erinnerungen kamen dabei in Ihnen hoch?

Ich erinnerte mich an die Zeiten im Studio mit den unterschiedlichen Passport-Musikern. Es war uns oft möglich, gemeinsam ein neues Stück auf Anhieb zu spielen. Und anschließend bekamen die Stücke nicht selten eine neue Qualität, wenn wir sie live spielten. Insgesamt hat es mich gefreut, dass die Musik lebendig geblieben ist, was auch dem Gefühl meiner Mitspieler zu verdanken ist.


 Nach dem Einspielen so vieler Passport-Alben in einem halben Jahrhundert - war es nicht schwierig, eine solche Auswahl zu treffen?

Eigentlich nicht, man muss sich ja nur einmal wieder an das erinnern, was man gespielt hat. Ich habe mir dazu auch die Konzertprogramme angeschaut, die ich im Laufe der Zeit erstellte. Auch anhand derer traf ich die Auswahl für „The First 50 Years Of Passport“.

Sie haben unterschiedliche Bands mitbegründet, auch Ihre Solo-Karriere hat die verschiedensten Wendungen genommen, doch Passport nimmt mit Abstand den größten zeitlichen Raum ein - ist diese Formation somit das musikalische Herzstück von Klaus Doldinger?

Für mich persönlich sicher, klar.

 Der Umstand, dass Sie der Passport-Nukleus sind, aber immer wieder mit neuen Musikern zusammen trafen - ist diese Vielfalt der Schlüssel zu diesem Projekt?

Nicht unbedingt, es hätte sich auch anders entwickeln können. Vieles hing mit den jeweiligen Örtlichkeiten zusammen: Wo war man gerade als man etwas einspielen wollte? Wer wohnte in der Nähe, mit wem konnte man problemlos zusammenkommen? Natürlich war es mir immer wichtig, in den unterschiedlichen Konstellationen eine bestimmte Qualität aufrecht erhalten zu können. Es war von vielen äußeren Umständen abhängig, wie man eine Besetzung für eine Album-Produktion zusammenstellte. Die Vielfalt ist ein wichtiges Moment, um die Musik nicht eintönig erklingen zu lassen. Durch Vielfalt kann man das Interesse der Zuhörer immer wieder neu wecken. Musik erscheint uns interessanter, wenn ein Stück Abwechslung bietet und man Überraschungen erlebt.

 Die aktuelle Werkschau kommt in frisch gemastertem Sound daher - warum war dieser Umstand wichtig für Sie?

Es war mir schon wichtig, die Musik, die wir aufgenommen haben, nochmal optimal abgemischt und gemastert zu wissen. Ich finde, wir haben die Einspielungen tontechnisch verbessert, was dem geneigten Zuhörer hoffentlich Freude beim Wieder- oder Neuhören bereitet.

 Was hat der Passport-Sound mit dem Jahr 2021 zu tun - wie zeitlos ist er in Ihren Ohren?

Das kann ich selber nicht beurteilen. Das ist eine Frage, die Außenstehende viel besser beantworten können. Ich war immer daran interessiert, mit neuen Klangmöglichkeiten zu arbeiten. Auch neue rhythmische Auffassungen fand ich immer spannend. Das hat mich sicher geprägt mit Hinblick darauf, wie ich Stücke aufbaute. Deswegen klang jedes meiner Alben auch irgendwie einzigartig.

 Die Kompilation erscheint wenige Tage vor Ihrem 85. Geburtstag - wollen Sie sich mit dieser Werkschau aus dem öffentlichen musikalischen Leben zurückziehen, was Ihnen garantiert niemand verübeln würde?

Natürlich nicht - soweit der liebe Gott es mir erlaubt! Ich bin nach wie vor musikalisch neugierig und sehr interessiert. Die Musik hat mein Leben immer wieder aufgefrischt. Klavier- und Saxofon-Spielen, Komponieren - all das hält frisch. Letztendlich aber ist immer alles eine Frage der Intention. Ich wollte immer vernünftig beinand sein, um das Musizieren auch gut hinbekommen zu können.


Nach bald sieben Dekaden im Musikgeschäft - ist es da noch spannend, neue Stücke zu komponieren, haben Sie niemals eine Schreibblockade?

Blockaden gab es. Natürlich. Aber ich hatte immer wieder das Glück, beim Improvisieren Momente der Inspiration erklingen lassen zu können, die mich selbst überraschten, und die mich aus meinen Blockaden befreiten. Das Schöne an der Improvisation ist ja die Sache mit den neuen Aspekten, die sich ständig ergeben, und mit deren Hilfe man auch bereits vorhandene Kompositionen konstant weiterentwickeln kann. Dabei spielen natürlich auch die Mitmusiker gewichtige Rollen.

Wenn Sie auf die Historie von Passport zurückblicken - welche Konstanten gab es, wie wichtig war der permanente musikalische Wandel?

Da gab es die Konstante, irgendwann im eigenen Studio aufnehmen zu können. Weitere Konstanten waren die vielen Tourneen, die wir unternahmen. Der Wandel war extrem wichtig für mich, aber er ging langsam vonstatten, es war mir wichtig, den Wandel auch erkennen zu können. Musikalischer Wandel nur des Wandels willen hätte mich nicht weitergebracht. Ich habe Wandel zugelassen und versucht, das Optimale daraus zu machen. Das war mitunter nicht leicht, aber es hat der Wiederholung immer vorgebeugt.

 Gibt es musikalische Inspiration von Außen - und wenn ja, woher kommt die?

Natürlich, wir haben eine weltweite Musikentwicklung erlebt, die auch sehr viel mit dem Jazz zu tun hat. Die Wichtigkeit der Beschäftigung damit ist überhaupt keine Frage. Ich war immer daran interessiert, Musik wahrzunehmen, die sich um mich herum abspielte. Aus der entnahm ich gewisse Anregungen.

 Die Zukunft von Passport - gibt es dafür bereits konkrete Pläne?

Es wäre naiv zu glauben, dass man die planen kann. Vieles ergibt sich aus der Art der Ansprüche, die man an sich selbst stellt. Mir ist es im Moment besonders wichtig, Gefühle in der Musik zu transportieren, die anderen Menschen etwas geben. Ich würde das Interesse an meiner Musik - soweit das geht - gerne noch eine Weile lang aufrechthalten.

Michael Fuchs-Gamböck
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tonart Ausgabe Frühjahr 2021/1

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