Pop_News_15.05.21
Van Morrison – „Ich bin Gefangener der Quarantäne“

Van Morrison – „Ich bin Gefangener der Quarantäne“

Niemals einen alten Grummler ärgern! Schon gar nicht, wenn er als Grummler auf die Welt gekommen ist. Und schon überhaupt gar nicht, wenn sich hinter dem alten Grummler der 75jährige Van Morrison verbirgt.
Der „Belfast Cowboy“ ist seit jeher bekannt dafür, weder in seinen raren Interviews noch in seinen „politischen“ Lied-Texten ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Auf seiner aktuellen Produktion - der Doppel-CD bzw. dem 3-fach-Vinyl LATEST RECORD PROJECT VOL. 1 - gibt es wesentlich mehr Kommentare zum Zeitgeschehen als bei sämtlichen 41 Vorgänger-Studiowerken. Und den meisten von ihnen merkt der Hörer an, wie wütend der Nordire über den aktuellen gesellschaftlichen Status Quo speziell in Europa ist, wie frustriert, wie unbändig. Nicht umsonst spricht die „Irish Post“ vom „bislang kontroversesten Album des seit jeher streitsüchtigen Musikers“.
Natürlich schwadroniert „Van The Man“ auf den stolzen 28 Kompositionen seines aktuellen Outputs nicht nur. Stattdessen verliert er sich, wie man es von ihm kennt und auch an ihm schätzt, in Tagträumen über mal dampfend-erotische, mal zartbitter-verklärende Liebe. Einmal mehr verliert er sich in Transzendenz, versucht sich selbst und dem geneigten Hörer zu erklären, was ihm spiritueller Sinn und Unsinn des Daseins bedeuten.
Doch alleine schon die Titel von Liedern wie „Big Lie“, „Where Have All The Rebels Gone?“, „Why Are You On Facebook?“ oder „Stop Bitching, Do Something“ und einige mehr machen eindeutig und unmissverständlich klar, wohin alltags-philosophisch die Gedanken des großen Nörglers in der Rock-Szenerie gehen.
„Ich bin unglaublich sauer auf die Regierung im Vereinigten Königreich“, ereiferte sich Morrison in der englischen „Times“ im großen Interview vom 24. April. Die Geschichte ist betitelt mit einem Zitat aus der Story: „Freiheit? Du musst dafür kämpfen!“
Van Morrison sieht sich als „Gefangener der Quarantäne“. Als Opfer der rigiden EU-Corona-Politik. In einem seiner neuen Stücke wütet er: „No life, no gigs, no choice, no voice“. Und er bleibt in seiner Berserkerei nicht immer fair. Gelegentlich wirkt der kleine Mann gar obskur bis verschwörungstheoretisch, wenn er Zeilen raunt wie „I don’t run with the mob/I don’t do what they want me to do/I made it in spite of you“. Harter Tobak, fürwahr.
Dass Morrison auch Kritik anders kann, geradezu humoristisch, stellt er in „Why Are You On Facebook?“ unter Beweis. Genüsslich wirft er Soziale-Medien-Junkies vor, dass sie der eigenen inneren Leere zu entkommen versuchen, indem sie sich permanent in ihren Blogs und Internet-„Freundschaften“ verlieren.
Es ist schwierig, den „Polit-Van“ von 2021 einzuschätzen. Ist er Querdenker oder Aufklärer? Verschwörer oder Mahner? Verbohrter oder Hitzkopf? Und der Außenstehende muss sich selbst auch die Frage stellen: Wie relevant ist es, ins Seelenleben und in die Denkweise einer lebenden Legende einzutauchen, die seit jeher polarisiert hat. Aber dank der hypnotisch-meditativen Kraft vieler seiner akustischen Großtaten hat er häufig dafür gesorgt, dass man der Erleuchtung - wie immer die letztlich aussehen mag - ein Stück näher gekommen ist.
Insofern begibt man sich auf sichereren Boden, wenn man sich dem rein musikalischen „Belfast Cowboy“ zuwendet. Und der hat mit LATEST RECORD PROJECT VOL. 1 garantiert nicht sein stärkstes Opus vorgelegt. Aber eindrucksvoll ist der jüngste Kreativ-Ausstoss alldieweil, wie nicht anders zu erwarten.
Morrison erklärte der Internet-Seite jazzandrock.com unverblümt: „Ich entferne mich von den gefühlt immer gleichen Songs, den immer gleichen Alben“, meinte er. „Dieser Typ hat in seinem Musiker-Leben 500 Songs gemacht, vielleicht mehr. Aber warum geht es immer nur um dieselben zehn? Diese Scheibe ist der Versuch, aus dieser Schachtel herauszukommen.“
Wobei der Neugierige und Verehrer von Morrisons Musik auf Grund dieser Aussage keinesfalls ein Techno- oder Rap-Album erwarten sollte. Basis der 28 Songs ist, wie die komplette Karriere des Altmeisters über, der Blues. „Diese Musik spricht zu mir“, verriet Morrison der „Times“ beinahe ehrfürchtig. „Der Blues geht weit über den intellektuellen Horizont hinaus. Er gräbt sich direkt in deiner Seele ein.“
Alles in allem bietet der Doppel-(bzw. Dreifach-)Decker bewährte Kost, die nach wie vor mundet. Neben Blues und R & B gibt es Soul, Gospel, auch Morrisons geliebter Skiffle darf nicht ganz außen vor bleiben. Bis auf zwei Stücke, die von Vans altem Kumpan Don Black beigesteuert wurden, stammen sämtliche Lieder aus der Feder von Morrison. Auf Grund der unfreiwilligen Corona-Isolation war der Altmeister laut „Times“ richtiggehend fieberhaft am Schreiben, „ich entwickelte pausenlos Ideen am Klavier, auf der Gitarre oder mit dem Saxophon“, stellte er fest. „Kein Wunder, dass unter solch kuriosen, irgendwie einsamen Umständen ein eher bissiges Werk entstand.“
Van Morrison 2021 - zwangsweise in der Virus-Realität angekommen. Aber nach wie vor der gnadenlos Unbeugsame. Ob man seine Ansichten teilt oder nicht. Michael Fuchs-Gamböck

Photo credit Jill Furmanovsky
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tonart Ausgabe Frühjahr 2021/1

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