Klassik_News_30.04.21
Schwarze Noten auf weißem Papier – Mozart auf den Index?

Schwarze Noten auf weißem Papier – Mozart auf den Index?

Black Lives Matter-Zensur und aggressive Diversity-Eliminationen sollen laut Universität Oxford selbst in akademische Leerpläne einziehen und dort wüten. Und die ganz besonders absurde Begründung dafür: Die Notation der westlichen Musik sei „ein kolonialistisches Repräsentationssystem“.

Wolfgang Amadeus Mozart hat in seiner Oper „Die Entführung aus dem Serail“ dem Zeitgeist entsprechend (die Türken hatten gerade 99 Jahre zuvor zuletzt Wien belagert) Orientalen beleidigt und – schlimmer noch – in dem volkstümlichen Singspiel „Die Zauberflöte“, bis heute liebste Oper der Deutschen, einen heimtückischen, der bösen Königin der Nacht dienenden „Mohren“ singen lassen: Und ich sollt' die Liebe meiden, weil ein Schwarzer hässlich ist!

Woraus in politisch korrekten Neuinszenierungen, selbst in Salzburg, längst „weil ein Diener hässlich ist“ wurde. Obwohl dieser Monostatos als Person of Colour sich eigentlich ganz aufgeklärt und klardenkend nur über die zeitgeistliche Meinung der Mehrheit selbst im Märchen erregt. Waren da die Macher Anno 1791 gar aufgeklärter als die Meinungshabenden heutzutage?

Es nützt alles nichts. Im Zug des immer weitere, auch kulturell besäte Felder in Flammen steckenden Flächenbrands der vor allem akademischen Cancel Culture als Schutzmaßnahme für vermeidlich Benachteilige, vor allem rassisch andere Bevölkerungsschichten sollen jetzt auch Mozart und Haydn, überhaupt die ganze westliche Klassik auf den Index und am liebsten auf den Scheiterhaufen.

Gut, ganz so schlimm ist es noch nicht, aber wie der englische „Sunday Telegraph“ berichtete, wollen selbst Professoren der angesehenen und sonst so rational handelnden Oxford University das Repertoire der Klassik einschränken, um künftig andere Musikformen, Stile und Komponisten stärker in den Lehrplan-Fokus zu rücken. Natürlich vor allem nicht westliche und nicht weiße. Im Klartext meint das: lieber Duke Ellington als Mozart, eher Samuel Coleridge-Taylor statt Brahms, mehr Tan Dun als Beethoven und präferiert Unsuk Chin statt Ethel Smith.

Was natürlich so absurd wie bescheuert ist. Die klassische Musik westlicher Prägung ist eine der wenigen Kunstformen, die sich weltweit ohne Unterdrückung und Sklaverei verbreitet hat, an der auch Menschen Geschmack gefunden haben, die selbst in komplett anderen Notations- und Harmoniesystemen aufgewachsen sind. Und das mag etwas heißen, denn wir überprivilegierten Europäer merken es doch selbst im akustischen Schnelltest, wie schwer hörbar für uns arabische, afrikanische oder asiatische Musik ist; die Würze des natürlich global konsumierbar gemachten K-Pop einmal ausgenommen. Stichwort Korea: Es gibt weltweit vermutlich kein Land, nicht einmal in Europa, in dem westliche Klassik so populär ist, selbst Junge die Konzerte stürmen, Pianisten wie Sänger popstarähnlich verehrt werden und selbst den bösen alten weißen Männern wie Bach, Beethoven, Brahms und Bruckner heldisch gehuldigt wird.

Auch Japan hat eine über 100-jährige selbstgewählte Tradition der Hingabe an die westliche Musik. Nirgendwo zahlt man höhere Honorare und Eintrittskartenpreise für die teuer importierten Originalorchester aus Berlin und Wien, und man hat zudem hunderte japanischer Sinfonieorchester, Instrumentalisten, Sänger, Opernhäuser, die gar nichts anderes aufführen wollen als das Repertoire des Westens. In China üben hunderte Millionen Kinder Klavier, weil ihre ehrgeizigen Eltern es wollen, wenn oft auch nur aus Sozialprestige und der Hoffnung auf eine Künstlerkarriere à la Lang Lang. Mao und seine Kulturrevolution haben das gerade nun nicht befürwortet. In Latein- und Südamerika, wo spanische wie portugiesische Mönche die Menschen unter ihren Glauben zwangen, entwickelten sich trotzdem auch lokale Tonschöpfer, die in barocker Manier komponierten.

Black Lives Matter-Zensur und aggressive Diversity-Eliminationen sollen also selbst in akademische Leerpläne einziehen und dort wüten. Und die ganz besonders absurde Begründung dafür: Die Notation der westlichen Musik sei „ein kolonialistisches Repräsentationssystem „Wie? Was? Schwarze Noten auf weißem Papier? Sollen es vielleicht lieber schwarze auf weißen Blättern sein, damit die Ausgewogenheit wieder stimmt? Und ist es gar diskriminierend, dass eine ganze Note einen weißen, also farblich unausgefüllten Kopf hat, während die minderen vier Viertelnoten schwarz ausgefüllte Köpfe aufweisen, also – horribile dictu – vier „schwarze“ eine „weiße“ Note ergeben? Schande über die Erfinder dieser Notenschrift, mittelalterlich katholische, ohne Sklaven auskommende Mönche im Gefolge des Guido von Arezzo vermutlich.

Wer soll denn dann die entleerten Curricula füllen, in denen angeblich zu viele Werke „weißer europäischer Komponisten aus der Ära der Sklaverei“ behandeln. Und was, bitteschön, kann der immerhin weitgereiste, europäisch erfahrene Mozart für die Epoche, in der er lebte? Unterdrückende Klavierkonzerte waren von ihm, der als Freimaurer übrigens selbst einer misstrauisch beobachteten Minderheit angehörte, bisher nicht bekannt.

Klar, kann man mehr HipHop und Jazz behandeln, aber will man wirklich Giuseppe Verdi durch Snoop Dogg und Peter Tschaikowsky durch Miles Davis ersetzen? Grundlagen müssen nun mal gelegt, Fundamente gebaut werden, dann kann man im Wissen um diese neu und anders voranschreiten. Vor allem, wo sind die Fülle andersrassiger, weiblicher gar Komponisten, die diese nun zu stürzenden Größen ersetzen können? Welche Kleinmeister sollen jetzt aus den staubigen Fugen der Archive gekratzt werden, nur weil sie heutige politisch korrekte Bedingungen erfüllen?

Natürlich kann man Seminare darüber abhalten, dass jahrhundertelang Komponistinnen zu wenig gefördert wurden, dass Nicht-Europäer im Klassikgewerbe nur geringe Chancen hatten. Die Fehler der Vergangenheit macht man so kaum zunichte, und großartig Verkannte mit der gegenwärtig richtigen Hautfarbe werden sich bei noch so viel Studium verlorengeglaubter Partituren kaum mehr finden lassen.

Wenn man jetzt in Amerika bei allen Förderinstitutionen verzweifelt Frauen und Farbige sucht, um Stipendien und Aufträge zu vergeben, dann steigert das noch nicht automatisch die Qualität der Ergebnisse. Und es mag auch der dringend zahlender Zuschauer bedürfenden Metropolitan Opera, die seit über einem Jahr nicht mehr spielt, finanziell nur bedingt helfen, dass man, erstmals nach 136 Jahren, zu Saisoneröffnung in diesem Herbst mit „Fire Shut Up in My Bones“ von Terence Blanchard die politisch korrekte Uraufführung eines weitgehend unbekannten schwarzen Komponisten angekündigt hat.

Also ist nun, so der „Sunday Telegraph“ über die universitäre Meinungsfindung, Musik, die „ihre Verbindung zur kolonialistischen Vergangenheit nicht abgelegt habe“, wirklich ein „Schlag ins Gesicht“ für manche Studenten, die sich mit so viel weißer Hegemonie konfrontiert sehen? Immerhin hat ein Universitätssprecher gegenüber dem Radiosender „classic.fm“ solchem Ansinnen eine Absage erteilt: Man werde „weiterhin kritische Analyse und die Geschichte in westlicher Kunstmusik lehren und das Angebot auf keinen Fall reduzieren“. Gleichzeitig bemühe sich die Universität Oxford, „den Studenten eine größere Bandbreite an nicht-westlichen Kulturen und populärer Musik aus aller Welt anzubieten, als dies bisher“ geschehen sei. Also harmonische Abregung, hoffentlich. Manuel Brug
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tonart Ausgabe Sommer 2021/2

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