Pop_News_06.05.22
Soft Cell - erstes Studioalbum seit 20 Jahren

Soft Cell - erstes Studioalbum seit 20 Jahren

Soft Cells Welthit „Tainted Love“ gehört zu den erfolgreichsten Pop-Singles aller Zeiten. Marc Almond und Dave Ball begannen Ende der Siebzigerjahre, Elektronik, Northern Soul und Glamour-Pop mit dem kühlen Sound der New Romantics und unverwechselbar bissigem Gesang zu vermischen. Der Einfluss des schrägen Synthie-Duos aus London ist heute allgegenwärtig in der Musik von Depeche Mode, Britney Spears oder Rihanna. Mit den Pet Shop Boys haben Soft Cell jetzt die Single „Purple Zone“ aufgenommen – als Vorbote ihres ersten Studioalbums seit 20 Jahren. Die Fragen an Dave Ball, 63, und Marc Almond, 64, stellte Olaf Neumann

Soft Cell gründeten sich 1979. War Ihr minimalistischer Stil vom Punk inspiriert?

Dave Ball: Das war die Art von Musik, die ich hörte, als ich noch Kunst studierte: Der Underground der elektronischen Industrial Music mit Bands wie Throbbing Gristle, Clock DVA, Cabaret Voltaire, Suicide oder Chrome. Außerdem wurden wir vom Meer-Cabaret, von Soul und Disco beeinflusst. Ein Mischmasch von Dingen. Kraftwerk standen für mich auf einer Stufe mit den Beatles.

Vor 40 Jahren waren Marc Almond und Sie gerade von Southport und Blackpool nach London gezogen - und schwupps fanden Sie in einem der besten New Yorker Studios wieder, um dort Ihr Debütalbum aufzunehmen.

Ball: Mike Thorne, der in New York lebt, wollte unser Album „Non-stop erotic Cabaret“ unbedingt im Mediasound Studio in der 55. Straße West produzieren. Wir flogen dann direkt für ein paar Monate rüber. Mit Mike haben wir wirklich hart an unserer Musik gearbeitet und sind nur an Wochenenden ausgegangen. Es gibt das Gerücht, wir seien in New York die ganze Zeit auf Droge gewesen. Das ist nicht wahr. Wie hätten wir das Album machen können, wenn wir im Studio dauernd verkatert gewesen wären. Die stärkste Droge aus unserer Zeit in Manhatten war wahrscheinlich schwarzer Kaffee.

"Tainted Love" nahmen Sie 1981 innerhalb von eineinhalb Tagen mit dem Produzenten Mike Thorne in den Londoner Advision Studios auf. Es wurde ein riesiger Hit, der sich rekordverdächtige 43 Wochen in den US-Billboard-Charts hielt. Wie haben Marc und Sie Erfolge wie diesen gefeiert?

Ball: Ehrlich gesagt fehlte uns die Zeit, irgendetwas zu feiern, weil wir so beschäftigt waren. Wir waren jung und hatten plötzlich eine Menge Geld und Zugang zu Nachtclubs, Limousinen und Reisen um die Welt. Wir haben uns gut amüsiert, aber uns auch ein bisschen verausgabt. Es ist ziemlich schwierig, sich in solch einer Situation auf das zu konzentrieren, was man eigentlich tun sollte. Das Problem ist, wenn man einen so großen Hit hat und jeden Tag mit demselben Song im Fernsehen auftritt, wird es ein bisschen öde und zerstörerisch. Man versucht, interessiert und interessant zu klingen, wenn man 20 Interviews pro Tag mit immer denselben Fragen gibt. Später zogen wir Pressekonferenzen vor, das war einfacher.

Eigentlich wollten Soft Cell am 30. September 2018 im The O2 in London lediglich eine große Reunion-Show spielen. Was ist an diesem Abend passiert, dass Sie beschlossen haben, weiter zusammen Musik zu machen?

Marc Almond: Wir hatten wirklich die Absicht, dass es unsere letzte Show sein würde. Und als ich dort sang, fühlte es sich auch wie ein Schlussstrich an, weil ich wusste, dass ich diese Songs nicht noch einmal als Soft Cell singen würde. Aber dann veränderte sich die Welt durch Covid-19. In vielerlei Hinsicht veränderten wir uns alle, und was wir für eine vorgezeichnete Zukunft hielten, kam plötzlich ganz anders. Ich hatte Zeit, und in der bizarren dystopischen Welt von Covid-19 und der Panik, der echten Tragödie und Traurigkeit, gepaart mit allen, die verrückt wurden, dachten Dave und ich: „Verdammt, warum nicht?“ Das Ganze fühlte sich viel mehr nach Soft Cell an, als es ein Soloprojekt getan hätte. Ich denke, wir haben uns kreativ von dieser Stimmung inspirieren lassen.

Wie hat es sich für Sie überhaupt angefühlt, in der riesigen O2 zu spielen?

Almond: Der O2-Gig fühlte sich nicht wirklich wie eine echte Soft-Cell-Show an. Die Dimension der Halle bedeutete, dass es schwierig war, eine Verbindung zum Publikum herzustellen, die Distanz war einfach zu groß. Das hat mich nicht begeistert. Es gab an dem Abend auch magische Momente, wie z.B. 20.000 Menschen, die „Say hello wave good bye“ sangen und Lichter hochhielten, aber ich ging mit einem flauen Gefühl nach Hause. Das Konzert war auch zu lang, da wir versuchten, zu viele Fans zufrieden zu stellen, und dennoch fühlte es sich ironischerweise unvollständig an.

In den 1980er Jahren haben Soft Cell auf der Bühne mit Kodak-Projektoren und Revox-Bandmaschinen gearbeitet. Und heute?

Ball: Heute ist alles digital. Die Backing Tracks sind sequenziert und mit Logic programmiert. Aber es gibt auch Live-Saxophon, Live-Schlagzeug und Live-Gesang auf dem Album. Auf der Bühne verwenden wir ein gigantisches Computersystem. 34 Techniker, zwei Riesenlaster und zwei Busse hatten wir auf unseren letzten Gigs. Wir brauchten ein Jahr, um das alles zusammenzustellen. Sobald wir die Auswirkungen des blödsinnigen Brexits und der grausamen Pandemie im Griff haben, werden Soft Cell auch in Deutschland auf Tour gehen.

"Happiness not included" ist das erste Soft-Cell-Album seit "Cruelty Without Beauty" von 2002. Wie war es, wieder gemeinsam ins Studio zu gehen?

Almond: Wir sind nicht wirklich wieder zusammen ins Studio gegangen. Dave schickt mir immer Ideen und Melodien, und dann schreibe ich dazu Texte und nehme Gesang auf und schicke das Ganze an ihn zurück. Wir haben uns im Laufe der Jahre kreativ aufeinander zubewegt und einige großartige Songs geschrieben, und das nicht immer nur für Soft Cell. Ich kehre einfach immer wieder in diese beiden Welten zurück, in die Zeit vor und nach Covid, und jetzt scheint es mir, als ob alles anders wäre. In Wahrheit hatte ich wie die meisten Leute zwei Jahre lang nicht gearbeitet, und Soft Cell bot mir da eine bessere Gelegenheit zum Wiedereinstieg als meine Solokarriere.

In New York haben Sie Andy Warhol persönlich kennengelernt. Davon handelt der neue Song „Polaroid“. Wie war Warhol?

Ball: Der Betreiber des Nachtclubs Danceteria, Jim Fourat, fragte uns, ob wir Lust hätten, Andy Warhol zu treffen. Natürlich hatten wir das. Eines Tages rief Jim mich an, um mir die genaue Adresse der Factory am Broadway durchzugeben. Ein Fahrstuhl brachte uns in sein riesiges Studio. Um einen Tisch mit Telefon wuselten etliche junge Menschen herum, die Siebdrucke seiner Bilder herstellten. In einem Besprechungszimmer servierte man uns Cola und schaltete den Fernseher ein. Und dann kam Andy Warhol höchstpersönlich hereinspaziert: "Na, wie gefällt euch New York?" Es war ein sehr oberflächliches Geplänkel, und dann begann er, Fotos von uns beiden zu machen und unsere Unterhaltung mit einem kleinen Kassettenrekorder aufzunehmen. Andy war genau so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Wäre er ein normaler, gesprächiger Mensch gewesen, wäre ich wohl enttäuscht gewesen. Wir ließen uns von ihm Autogramme geben im Austausch gegen eine signierte Soft-Cell-Platte. Nach einer Stunde war der Spuk vorbei. Später sahen wir ihn noch einmal im Studio 54, wo wir gelegentlich abhingen.

In "Polaroid" erklingt Warhols Originalstimme. Wie kam es dazu?

Ball: Der Song ist eine Art Fantasie-Meeting mit Andy Warhol. Wir sind ihm in den Eighties begegnet, aber Marc stellt es so dar, als sei es in den Sixties gewesen zur Zeit von The Velvet Underground. Wenn Sie so wollen, ist der Song die Neuinterpretation eines Ereignisses. Die Stimmen darin sind authentisch. Eine gehört Andy Warhol, die andere wahrscheinlich Edie Sedgwick oder einem anderen seiner Superstars. Marc hat auch einmal mit Nico von den Velvets gearbeitet. Und ich bin Nina Hagen begegnet.

Welche Musik hat Sie zum neuen Album inspiriert?

Ball: Filmische, thematische und atmosphärische Sachen. Ich benutze noch analoge Moog-Synthsizer-Bass-Sounds. Mike Thorne war einer der ersten Produzenten mit einem digitalen Synthie, dem Synclavier. Als wir anfingen, lag die Sample-Datenübertragungsrate bei acht Bit, heute sind es 64. Neu war damals auch der „TR-808 Rhythm Composer“, den wir bei „Bedsitter“ eingesetzt haben. Die nächste Welle der Drumcomputer war The LinnDrum, die wir mit Martin Rushent bei „Dare“ verwenden. Der Yamaha DX7 war in den frühen 1980ern der erste digitale Synthsizer, den man kaufen konnte. Diese revolutionäre Maschine hat den Klang von Musik nachhaltig verändert. Und mit der Oberheim DMX arbeite ich bis heute.

Gibt es neben der Musik weitere Dinge, die Sie beide miteinander verbinden?

Almond: Dave und ich sind natürlich sehr unterschiedlich, aber unser beider Wurzeln liegen im Norden bzw. Nordwesten Englands - und das ist eine so tolle Gegend. Der bezahlbare Glamour und das Herz von Blackpool, Küstenstädte außerhalb der Saison wie Southport, die Dunkelheit von Leeds zur Zeit des Rippers, die Wut und Aufregung der Musikszene mit Northern Soul, Disco, Punk und Elektro - das war damals für uns alle neu. Ich war ängstlich, pickelig und schwul und der unwahrscheinlichste Popstar überhaupt. Dave hingegen war groß, gutaussehend und charismatisch. Wie C.G. Jung sagte: "Das Zusammentreffen zweier Persönlichkeiten ist wie der Kontakt zweier chemischer Substanzen: Wenn es zu einer Reaktion kommt, werden beide verwandelt." Und in vielerlei Hinsicht wurden wir beide durch den jeweils anderen verzaubert.

In dem Album werfen Sie einen Blick auf uns als Gesellschaft: ein Ort, an dem wir uns entschieden haben, Geld über Moral und Anstand zu stellen. Ist das heute mehr denn je der Fall?

Almond: Ich denke, angesichts der aktuellen, herzzerreißenden Situation in der Ukraine ist es aktueller denn je. Wir haben den Brexit hinter uns, dann die Covid-19-Pandemie und jetzt sehen wir uns mit einem Krieg in Europa konfrontiert. Im Zentrum dieser Dinge stehen Geld und/oder Nationalismus, ein Mangel an Anstand und Verantwortung. Die Chinesen haben einen globalen Virus in die Welt eingeschleppt und keine Konsequenzen dafür erlitten, denn im Kern geht es immer um Macht und Geld.

Die Faszination für Soft Cell war immer eng mit dem hedonistischen Lebensstil der 1980er Jahre verbunden. Lässt sich das für Sie noch einmal wiederholen?

Almond: Den hedonistischen Lebensstil wiederholen? Nein, ich gehe auf die 65 zu! Wenn ich gedacht hätte, dass ich so lange leben würde, hätte ich besser auf mich aufgepasst.

Soft Cell: Happiness Not Included (BMG) - VÖ: 6.5.2022
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