Pop_News_06.05.22
50 Jahre ABBA

50 Jahre ABBA

Seit ihrem Comebackalbum „Voyage" und der Ankündigung der gleichnamigen Avatar-Show in London ist die legendäre Popgruppe wieder in aller Munde. Mit über 380 Millionen verkauften Tonträgern gehören die Schweden zu den erfolgreichsten Bands aller Zeiten. Olaf Neumann sprach in Stockholm mit Musikern und Modemachern aus ihrem engsten Umfeld

1972 gilt in der Popmusik als historisches Jahr: zwei junge schwedische Künstlerpaare spielen am 29. März vor 50 Jahren unter dem Namen Björn & Benny, Agnetha & Anni-Frid im Metronome Studio im Stockholmer Stadtteil Karlbergsvägen eine Single ein. Sie heißt „People need Love“ und handelt vom ewigen Wunsch nach Frieden und Harmonie. Beim Gesang wechseln die Paare sich ab. Zur Studioband gehört der Gitarrist und Jazz-Virtuose Janne Schaffer. Er hat zuvor mit Bob Marley und Johnny Nash gearbeitet. Die Aufnahmen mit ABBA seien von Anfang an sehr diszipliniert verlaufen", erinnert sich der in Schweden berühmte Musiker. Wir treffen ihn in einem Theater im Osten von Stockholm. "Wir waren sehr auf die Musik fokussiert. Benny Andersson hat uns den Song am Piano vorgespielt und wir haben die Akkorde dann Note für Note aufgeschrieben und eingeprobt. Es gab damals eine englische Gruppe namens Blue Mink. Von denen haben wir ein paar Ideen übernommen und eigene beigesteuert, was das Intro, die Gitarrenlinie oder den Refrain betrifft. Die Arrangements wurden von uns im Studio gemacht".
„People need Love” wird am 30. April 1972 in der schwedischen Sendung "Vi i femman“ uraufgeführt - der erste gemeinsame Fernsehauftritt von ABBA als Gruppe. Es soll noch bis Anfang Juni dauern, bis die Single erscheint und dann auf Platz 17 in der schwedischen Hitparade steigt. Dadurch bekommen die Twens Björn Ulveaus, Benny Andersson, Agnetha Fältskog und Anni-Frid Lyngstad die Chance, ein erstes gemeinsames Album als ABBA aufzunehmen. Björns und Bennys äußerst effektive Arbeitsmethode: einer spielt seine akustische Gitarre auf dem Schoß, einer sitzt am Klavier. So spielen sie stundenlang irgendwelche Akkorde, summen dabei Melodien und versuchen, lohnenswerte Arrangements zu finden.
Mit dem poppigen Titelsong „Ring Ring“ treten die vier 1973 beim schwedischen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest an - gegen das Duo Nova. Dessen eher progressiver Beitrag, "You Are Summer (You Never Tell Me No)", setzt sich durch. ABBA werden mit ihrem Popsong nur Dritter. Claes Olof af Geijerstam, damals eine Hälfte von Nova, erinnert sich: "Zu der Zeit änderte der schwedische Songcontest jedes Jahr seine Regeln. 1973 luden sie Songschreiber-Duos ein, sich an dem Wettbewerb zu beteiligen. Ein Paar waren Björn und Benny und ein anderes Paar schrieb einen Song für uns, also Nova. Der Gewinner wurde ausschließlich durch Experten ermittelt - und wir machten das Rennen. ABBA trugen es mit Fassung, aber ihr Manager Stig Anderson kochte vor Wut. Er meinte, wenn die Zuschauer hätten abstimmen dürfen, hätte ganz klar ‚Ring Ring’ gewonnen. Natürlich, denn es war ja ein kommerzieller Popsong.“
Der geniale Tontechniker Michael B. Tretow kreiert zu der Zeit im Metronome Studio den ABBA-Breitband-Sound, indem er eine Vielzahl an Instrumenten übereinanderlegt. Dort benutzt man heute noch dieselben Mikrofone, durch die Agnetha und Anni-Frid Gassenhauer wie „Waterloo“, „Mamma Mia“, „Knowing Me, Knowing You“ oder „Money, Money, Money“ einsangen. Das sorgfältig renovierte Studio ist seit November 2020 wieder in Betrieb – unter dem Namen Atlantis. Details wie die Echokammer sind unangetastet geblieben. Ein Flügel aus dem Besitz von Benny Andersson hat über eine Sotheby's-Auktion sogar zurück ins Atlantis gefunden. Ein Nachbau der 1978 eröffneten bandeigenen Tonschmiede Polar befindet sich heute übrigens im ABBA-Museum – neben dem roten 1970er-Jahre-Telefon, auf dem Björn, Benny, Agnetha und Anni-Fried angeblich von Zeit zu Zeit anrufen, um Besucher zu überraschen.
Ilja Richter präsentiert die Schweden zu Beginn des Jahres 1973 erstmals im deutschen Fernsehen im Rahmen seiner Musikshow „Disco“. Sie performen „People need Love“. Björn Ulvaeus, Benny Andersson, Anni-Frid Lyngstad und Agneta Fältskog tragen an dem Abend bereits die schrillen Outfits des Owe Sandström. „Niemand von uns hätte sich vorstellen können, dass sie einmal als ABBA so erfolgreich werden würden“, sagt der leicht exzentrische Selfmade-Modemacher bei einer Begegnung in seiner Heimatstadt. „Völlig verrückt! Das ist eigentlich heute noch unglaublich.“ Zu den Kostümen hat der studierte Pflanzenkundler und Meeresbiologie sich durch die Natur und den Zirkus mit seinen phantastischen Outfits, Epauletten und Kristallen inspirieren lassen. „ABBA - das ist zuerst die Musik. Die Texte. Und dann die Looks“, sagt er.
Björn Ulvaeus und Benny Andersson haben von Anfang an eine klare Vision von ihrer Popmusik im Kopf. Gelernt haben sie ihr Handwerk von den besten, den Beatles, den Beach Boys, Neil Sedaka oder Paul McCartney – und den schwedischem Popularmusikern ihrer Jugend. „Wenn man eines ihrer Lieder das erste Mal hörte, spürte man sofort, dass Björn und Benny einen sehr eigenen Stil hatten“, sagt Claes Olof af Geijerstam, der ab 1974 jedes einzelne Live-Konzert von ABBA abmischt. „Man wusste nie, wie der nächste Akkord klingen wird, weil ihre Akkordwechsel so besonders sind.“
Ulvaeus und Andersson sind es nie leid, ewig an ihren dreiminütigen Werken herumfeilen, erzählt ABBA-Experte Carl-Magnus Palm bei einer musikhistorischen Tour durch Stockholm. „Sie sind wirklich schonungslos mit sich selbst umgegangen. Mit ‚fast gut’ waren sie nicht zufrieden, es musste immer hunderprozentig sein“. Am 6. April 1974 gewinnen das Quartett den „Grand Prix“ in Brighton knapp mit dem auf Sieg getrimmten "Waterloo". Dennoch haben Teile der heimischen Medien ein eher kritisches Verhältnis zu den stets topmodisch gekleideten Entertainern. Das hat etwas mit dem damaligen kulturellen Klima in Schweden zu tun. „Man warf ABBA vor, kommerziell zu sein“, so Palm. „Sie wären nur wegen des Geldes dabei. In den 1970ern war die Stimmung hier nicht so, dass es alle möglichst so tun sollten wie ABBA. Aber ABBA zeigten allen, dass man es schaffen konnte, von Schweden aus Musik für die ganze Welt zu machen.“
Ihren Höhepunkt erlebt die Abbamania im Februar und März 1977 mit der Tournee durch Europa und Australien. Sie ist in „ABBA – Der Film" dokumentiert. Angeblich hat Agnetha Fältskog deswegen immer noch Alpträume - von Menschenmengen und Fans, die sie auf ihren Konzertreisen erdrücken wollen. Claes Olof af Geijerstam erinnert den Druck, unter dem die jungen Sängerinnen standen. „Agnetha hatte kleine Kinder. Hinter den Kulissen haben wir anderen nicht wirklich realisiert, was das für sie bedeutete. Sie hatte ja viele Fans und war auf der Bühne stets gut gelaunt, aber sie wünschte sich bestimmt, dass eine Tour bald wieder vorbei ist und sie ihre Kids wiedersehen kann. Frida hingegen mochte das Tingeln viel mehr.“
Ihre Tourneen zwischen 1974 und 1980 sind bis heute die größten, die je von einer schwedischen Band unternommen wurden. Agnetha Fältskog wäre fast daran zerbrochen, Superstar zu sein. „Das hat sie in Interviews gesagt“, bestätigt af Geijerstam. „Wir konnten das aber nicht vorhersehen. Sie hat immer gearbeitet und gesungen und war niemals krank. Nur eine einzige Show hat sie abgesagt - wegen eines Flugnotfalls. Als wir von New York nach Boston flogen, rüttelte ein heftiger Hurricane die Maschine durch. Der Pilot sagte zu Björn, Benny, Agnetha und Frida, dass er woanders landen müsse, weil ein Unwetter den Zielflughafen geflutet hat. Die Show in Washington hat Agnetha dann ausfallen lassen. Schade, denn die Präsidententochter hatte sich angekündigt.“
Ab dem 27. Mai wollen sie in der eigens errichteten ABBA Arena im Queen Elizabeth Olympic Park in London beinahe täglich mit alten und neuen Songs auftreten - als virtuelle 3D-Avatare. Carl Magnus Palm geht davon aus, dass auch dieses neuartige Projekt Qualität haben wird. „Björn und Benny würden nichts tun, was nicht dem von ihnen geschaffenen Standard entspricht. Sie möchten einfach nicht als über 70-Jährige persönlich auf der Bühne stehen und so das gängige Bild von ABBA zerstören“. Olaf Neumann


ABBA Studio Albums (Universal) – VÖ: 27.5.2022
(10-LP und 10-CD Box-Set und Picture-LP-Set mit sämtlichen Studioalben und Singles)

Tickets für ABBA Voyage in London:
https://www.ticketmaster.co.uk/abba-voyage
https://www.facebook.com/ABBAVoyage


ABBAmania-Tour 2023:
14.04.2023 Lingen, Emsland Arena
15.04.2023 Frankfurt am Main, Festhalle Frankfurt
16.04.2023 Oberhausen, Rudolf Weber - ARENA
18.04.2023 Leipzig, QUARTERBACK Immobilien ARENA
19.04.2023 Nürnberg, ARENA NÜRNBERGER Versicherung
20.04.2023 Köln, LANXESS arena
22.04.2023 Zürich, Hallenstadion Zürich
23.04.2023 München, Olympiahalle München
25.04.2023 Wien, Wiener Stadthalle - Halle D
26.04.2023 Stuttgart, Porsche Arena
28.04.2023 Hamburg, Barclays Arena 
29.04.2023 Hannover, Swiss Life Hall 
30.04.2023 Berlin, Tempodrom
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