Pop_News_06.05.22
Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt

Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt

Vor 100 Jahren wurde die junge Berliner Polizistentochter Marie Magdalene zu Marlene Dietrich – und stieg dann zum ersten deutschen Weltstar des Kinos auf. Die glamouröse Diva starb heute am 6. Mai vor 30 Jahren einsam in Paris. Olaf Neumann blickt auf ihr Leben zurück und erfuhr von Udo Lindenberg und Ute Lemper, wie die Dietrich wirklich war

"In Europa spielt es keine Rolle, ob du ein Mann oder eine Frau bist - wir machen mit jedem Liebe, den wir attraktiv finden.“ Solche provokanten Sätze schmetterte Marlene Dietrich, die König der Androgynität, im zensurfreudigen Amerika der 1930er Jahre nur so heraus. In ihrem ersten Hollywood-Film "Marokko" trug sie auf revolutionäre Weise Anzug und Zylinder und tat etwas, was damals ein echtes Tabu war: sie küsste eine Frau. Die Szene war ihre eigene Idee. Die Rolle in dem Liebesdrama verlieh Dietrich unwiderruflich das Image als mystisches, zweigeschlechtliches Sexsymbol und als die Ikone der Hosenanzüge. Dafür erhielt sie eine Oscar-Nominierung als beste Schauspielerin.
Auch wenn der neuartige Marlene-Dietrich-Look anfangs von Medienvertretern gering geschätzt wurde, kam er in den USA, Frankreich und Großbritannien mehr und mehr Mode. Sogar im nationalsozialistischen Deutschland verbreiteten sich bequeme Frauenhosen à la Dietrich zusehends. "Ich bin völlig eins mit meiner Bevorzugung von Herrenkleidung", erklärte sich die Berliner Schauspielerin. "Ich trage sie nicht, um aufsehenerregend zu sein. Ich denke, ich bin viel verführerischer in dieser Kleidung."
Die unkonventionelle Mimin war bis 1976 mit dem Filmproduzenten Rudolf Sieber verheiratet und gegen die gesellschaftlichen Sitten mit dem Regisseur Josef von Sternberg oder dem Schauspieler Jean Gabin liiert. Marlene Dietrich führte laut ihrem Enkel Peter Riva eine Art Tagebuch, in dem sie bis zu drei männliche Liebhaber pro Tag aufgelistet hat. Aber sie hatte auch Verhältnisse mit glamourösen Frauen wie der Aktrice Tallulah Bankhead, der offen lesbischen Rennbootfahrerin Marion Barbara ‚Joe’ Castairs und wohl auch der Chansonsängerin Edith Piaf.
"Es ist ein Etwas über aller Schönheit, Anmut und Begabung, das eine Frau wie Marlene Dietrich so anziehend macht auch für Frauen, ein beunruhigender, nicht restlos in die Kategorie 'ästhetisch' einzuordnender Reiz, dem sich völlig zu entziehen auch dem Widerspenstigen kaum gelingt", schrieb der Wiener Autor Alfred Polgar 1937 über seine berühmte Zeitgenossin.
Geboren am 27. Dezember 1901 in Berlin-Schöneberg als zweite Tochter von Polizeileutnant Louis Erich Otto Dietrich und Wilhelmina Elisabeth Josephine Felsing, wuchs Marie Magdalene in bescheidenen Verhältnissen auf. Schon als Kind hatte sie eine gewisse Ausstrahlung und Charakterstärke, die ihre Mitmenschen sie oft über ihre Schwächen und Exzesse hinwegsehen ließ. 1918 begann Marie Magdalene an der Staatlichen Musikschule Weimar eine Ausbildung zur Konzertgeigerin, die sie wegen einer Sehnenscheidenentzündung abbrechen musste. Unter dem Namen "Marlene Dietrich" sprach sie 1922 an der Schauspielschule des Deutschen Theaters in Berlin vor - mit dem Gretchen-Gebet aus Goethes "Faust". Das brachte ihr privaten Schauspielunterricht bei Mitgliedern des Ensembles von Max Reinhardt ein. Sie durfte zwischen September 1922 und April 1923 in über 90 Aufführungen mitwirken.
Auf dem Set des Stummfilms „Tragödie der Liebe" lernte Dietrich ihren späteren Ehemann Rudolf Sieber kennen. 1924 wurde die gemeinsame Tochter Marie Elisabeth geboren, doch die rebellische Mutter ahnte, dass sie nicht zum Familienmenschen taugte. 1930 machte ihre Rolle in Josef von Sternbergs "Der blaue Engel" nach Heinrich Manns Novelle "Professor Unrat" die Dietrich schlagartig berühmt. Sie verkörperte die vulgäre und magisch-dämonische Nachtlokal-Sängerin Lola-Lola. Die von Friedrich Hollaender eigens für sie komponierten Lieder "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt!" und "Ich bin die fesche Lola" gingen um die Welt. Zur finanziell erfolgreichsten Zusammenarbeit von Sternberg und ihr wurde 1932 „Shanghai Express".
1936 machte ihr Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels ein unmoralisches Angebot, das hohe Gagen und freie Wahl bei Drehbuch und Mitarbeitern beinhaltete. Die Antifaschistin Marlene Dietrich arbeitete jedoch lieber in Amerika mit Weltklasseregisseuren wie Alfred Hitchcock, Ernst Lubitsch, Orson Welles und Billy Wilder. Sie nahm sogar die US-Staatsbürgerschaft an und nutzte ihre Auftritte vor amerikanischen Truppen nahe der Front, um ihren Anteil im Kampf gegen den Nationalsozialismus zu leisten. 1947 wurde sie für ihren Kriegseinsatz mit der US Medal of Freedom geehrt.
Mit Hauptrollen in Filmen von Billy Wilder („Eine auswärtige Affäre“, 1948), Alfred Hitchcock („Die rote Lola“, 1950) und Fritz Lang („Engel der Gejagten“, 1952) konnte sie nach dem Krieg ihre Karriere in Hollywood fortsetzen. Dort begegnete sie auch der jüngeren Hildegard Knef, mit der sie sich anfreundete. Wie die Knef wandelte sie sich in eine kraftvolle Sängerin, die – begleitet von Burt Bacharach am Piano – in den berühmtesten internationalen Theatern auftrat. Mit ihrer „One-Woman-Show“ reiste sie bis zu ihrem 75. Lebensjahr um die ganze Welt. Allein in Las Vegas erhielt Marlene Dietrich 1953 eine Gage von 30.000 Dollar pro Woche. Als erste deutsche Künstlerin nach dem Krieg durfte sie in der Sowjetunion und in Israel auftreten – mit Liedern in ihrer Muttersprache.
Ute Lemper, die späte Marlene Dietrich persönlich kannte und ihr ein eigenes Bühnenprogramm widmete, ist voller Bewunderung für sie. „Sie wurde geliebt von den Engländern, geliebt von den Franzosen und geliebt von den Amerikanern. Nur in Deutschland hat man ihr die Liebe verweigert, weil sie eben als Exilantin im Feindesland gegen die Nazis gekämpft hat. Das war ein deutsches Problem, weil man sich damals nicht mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen konnte. Man hätte sie eigentlich als Heldin begrüßen müssen, aber sie galt als Verräterin. Deutschland kam mit seiner eigenen Vergangenheit nicht zurecht".
Filmgeschichte schrieb die Dietrich ein letztes Mal mit ihrer Rolle in dem Klassiker „Urteil von Nürnberg“ (1961) an der Seite von Spencer Tracy über den Hauptkriegsverbrecherprozess nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihr letzter Streifen „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ (1979, mit David Bowie) hingegen wurde von der (deutschen) Kritik als „konfuses, stilloses und banales Spektakel“ abgetan.
Nach den Dreharbeiten zog sie sich gesundheitlich angeschlagen ins Private zurück. Fortan lebte sie im Bett in ihrem Pariser Appartement in der Avenue Montaigne 12, betreut von ihren Angestellten. Übers Telefon hielt die Diva Kontakt zu Freunden und Verwandten. Dazu gehörte Udo Lindenberg. Der Sänger besitzt ihre letzten Tonaufnahmen, und das kam so: „Ende der 1970er Jahre fuhr ich nach Paris, stieg in einem Hotel gegenüber ihrer Wohnung ab. Ich durfte aber Marlene Dietrich nicht sehen, dafür haben wir lange telefoniert und über einen Freund gelangte mein Demo schließlich in ihre Wohnung. Ich habe sie dann gebeten, Prologe zu ‚Illusions’ von Friedrich Hollaender auf ein Tonband zu sprechen“. Währenddessen stand Lindenberg im Treppenhaus und konnte durch den Türspalt in die dunkle Wohnung gucken. Alles sehr geheimnisvoll. „Sie wollte einfach in Erinnerung bleiben als die schöne Frau, als die man sie kannte. Super konsequent“.
Als einsiedlerische Alkoholikerin und Gefangene ihrer eigenen Legende hauchte Marlene Dietrich am 6. Mai 1992 in Paris ihr Leben aus. Ihr letzter Wille war, in ihrer Geburtsstadt Berlin beerdigt zu werden. Olaf Neumann
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