![]() | Jazz_News_16.01.26 JAZZ ODER NICHT JAZZ - DAS WAR EINST DIE FRAGEDer Titel des Programms ist so eindeutig wie mysteriös: „Als der Jazz (fast) seine Freiheit verlor“. Dafür verantwortlich sind drei Herren im gesetzten Alter mit unterschiedlicher Konnotation. Zum einen hätten wir da Josef Ametsbichler, Musiker, Musik-Historiker und Musik-Sammler; Dr. Axel Högel, zuständig für das Konzept des Abends; Dr. Peter Wegele, der den historischen Hintergrund beleuchtet. Doch worum dreht es sich bei der Veranstaltung? Es gibt einen spannenden Abgleich von Thesen und Fakten rund um die Frage, welchen Stellenwert der Jazz zwischen 1933 - 1945 in Zeiten des Nationalsozialismus in Deutschland besaß. Beinhaltete er schlicht eine verkappte Botschaft, um den unbedingten Freiheitswillen, den der Jazz seit jeher in sich trägt, zum Ausdruck zu bringen? Dass die Geschichte wesentlich komplexer verlaufen ist, dieser Aufgabe und Entschlüsselung haben sich die drei soeben genannten Herren vom Verein „Jazz Grafing“ gestellt. Aufmerksam haben sie diverse historische Splitter zu einem anschaulichen Mosaik sortiert. Etwa dem Konflikt mit dem durchaus vorhandenen rebellischen Teils der deutschen Jugend, den es während des III. Reichs gab, war nur ein Teil dessen, was dem Jazz und seiner aufrührerischen Botschaft zwischen 1933 und 1945 widerfuhr. Denn es werden noch weitere Verdachte erhärtet. Zum Beispiel, dass eine opportunistische Propaganda den im Volk beliebten Stil ganz im Sinne einer „Brot-und-Spiele“-Durchhalte-Methode durchaus aufgriff. Aber eben mit im Jazz kaum je verwendeten dominierenden Streicher-Sätzen, um eine angeblich „deutsche Klangkultur“ zu signalisieren. Oder das Hitler-Regime nutzte bekannte Jazznummern mit verfremdeten verballhornenden Texten für erhöhte Akzeptanz der Propaganda-Sendungen Richtung Feind. Dass der Jazz im III. Reich seine Freiheit lange bewahren konnte - trotz etwa der berüchtigt-hetzerischen Ausstellung „Entartete Kunst“ anno 1938 - führt Peter Wegele auf eine Handvoll Gründe zurück: Musikalische Inkompetenz der Verantwortlichen, welche die vielen Spielarten des Jazz nicht einzuordnen wussten. Gerangel um Zuständigkeiten. Unklarheit über die richtige Reaktion zwischen Spott und Verbot. „Die Haltung der Nazis mäanderte zwischen Duldung und Ächtung“, fasst Wegele zusammen, „sie haben den Jazz nicht verstanden.“ Unter anderem deshalb nicht, weil sich, typisch für das Genre, nationale Ausprägungen immer wieder neu mit internationalen Konzepten und Spielweisen vermischten. Die dem Jazz innewohnende Freiheit, seine Offenheit für Interpretation, so macht Axel Högel deutlich, habe ihm auch unter restriktiven Bedingungen Möglichkeiten eröffnet, seine Präsenz letztendlich zu bewahren. Dass die Jazz-Gemeinde den wachsenden Gegenwind, der sich mit Kriegsbeginn dann in tatsächliche Verbote wandelte - bis hin zur Forderung nach KZ-Umerziehung für die jazzfreudige Jugend - schließlich doch immer wieder aussegeln konnte, führt Wegele letztlich auf die Chaostheorie zurück. „In jeder Generation gibt es Mutige und Kreative, die Wege finden, um Hürden und Verbote zu umgehen“, sagt er. Was sich etwa bei jenen zeigte, die im Untergrund musizierten und bei drohenden Razzien den „Tiger Rag“ kurzerhand in einen „Schwarzen Panther“ umwandelten oder von ihren Noten die Musiktitel gleich ganz abgeschnitten hatten. So einfach und dabei mutig! Überzeugend zur Ergänzung der Veranstaltung geraten jedes Mal die Auftritte der „Freedom Swingers“, die sich als Live-Band für diesen Anlass zusammengefunden haben. Zusammen mit den drei Moderatoren Ametsbichler, Högel und Wegele an Klavier, Schlagzeug und Kontrabass geben sich hier noch Dieter Winter (Klarinette), Thomas Frey (Akkordeon), Marc Kaufmann (Geige) und Knut Knittel (Gitarre) ein Stelldichein. Sie sind ein Remake der legendären „Ghetto-Swingers“, die etwa im KZ Theresienstadt bei internationalen Besuchen inszenierte Auftritte hinlegen durften bzw. mussten. Bei allem erzwungenem Opportunismus stärkten sie den Energie-Level der Inhaftierten enorm mit Evergreens wie „Bei mir bistu schein“, „I Got Rhythm“ oder dem tieftraurigen „Avant du mourir“. Bei solchen Standards stellt sich nicht mehr die Frage: Jazz oder nicht Jazz? Hier geht es alleine ums Überleben mit Hilfe der Musik. MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK Fotos: Peter Szalata Nächster Veranstaltungstermin: Samstag, 7. März, ab 18 Uhr, „Meta Theater“ in Moosach bei Grafing, Podiumsdiskussion und Konzert, Eintritt 18.—/ermäßigt 15.—
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