Klassik_News_27.02.26
LAZULI - FLUCHT-MUSIK
Und wieder einmal schaffen es Lazuli, den Hörer in eine ureigene Welt zu entführen, geprägt aus Ethno-Pop, New Artrock, Prog-Folk und einigem mehr. ETRE OU NES PAS ETRE nennt sich das aktuelle, inzwischen zwölfte Studiowerk des französischen Quintetts. Auch dieses Mal gelingt die Flucht in einen vollkommen eigenen Sound-Kosmos, noch nachdrücklicher als bisher, denn musikalisch ist das Album abwechslungsreich wie nie.
„Wir haben uns nie einer Kategorie verschrieben“, schreibt Sänger, Texter und Saiteninstrumentalist Dominique Leonetti in seiner Antwort-Mail, „denn das wäre so, als würde man einem Maler lediglich eine einzige Farbe geben, um sich damit auszudrücken. Wir hingegen haben schon bei unserer Gründung 1998 beschlossen, uns ausschließlich mit dem eigenen Innenleben zu beschäftigen. Nur dadurch nutzen wir die gesamte Palette der menschlichen Emotionen.“
Tatsächlich erreichen im Laufe des akustischen Geschehens die Stücke der fünf Herren aus dem Süden Frankreichs stetig seelenverwandte Hörer, welche bei jenen Tränen der Hoffnung wie der Befreiung auslösen. „Inspiration für die Lieder bekamen wir in erster Linie von den Zuschauern unserer Konzerte, die in den ersten Reihen standen“, erklärt Leonetti. „Wir waren unglaublich lange auf Tournee in den vergangenen zwei Jahren. Und jeden Abend wurden wir durch dieses Strahlen richtiggehend geblendet.“
Ob die aktuelle Scheibe der Beginn eines neuen Kapitels in der bald 30jährigen Band-Historie ist, darauf möchte Dominique sich im Mail-Interview nicht festlegen. „Sag du es mir“, gibt er offensichtlich beschwingt zurück. „Wir denken über so etwas nicht nach. Die bisherigen Reaktionen der Menschen, welche die aktuelle Platte gehört haben, sind durchweg überwältigend. Ein größeres Geschenk können wir uns nicht vorstellen.“
Der Titel der Produktion ist an das legendäre Shakespeare-Zitat „Sein oder Nicht-Sein“ angelehnt. „Wobei wir den Wortlaut umgewandelt haben in „Sein oder Nicht-Mehr-Sein“. Wie die Veränderung eines einzigen Worts den kompletten Sinn ad absurdum führen kann, das ist wirklich faszinierend. Es ist eine unserer großen Leidenschaften, mit Sprache zu experimentieren.“
Für Leonetti und seine vier Mitstreiter ist die Melodie einer Komposition durchaus wichtig. „Doch das Entscheidende ist die Atmosphäre eine Lieds“, zeigt er sich überzeugt. „Und auch den Text darf man nicht vergessen. Dieser ist das Drehbuch für einen imaginären Film, zu dem es Bilder lediglich im Kopf gibt. Wenn dieser Soundtrack überzeugend kreiert ist, verhilft er dem Konsumenten zu einer Flucht.“
Dominique sieht Lazuli als eine Bande von Kreativ-Partnern, vor allem aber als Kollektiv von Freunden, richtiggehenden Seelenverwandten. „Ohne Freundschaften entwickeln sich keine Kreativ-Prozesse“, berichtet er. „Diese Gruppe besitzt genau die passende Chemie. Man muss aufrichtig und ehrlich zueinander sein, wenn man spannende Ideen gezielt in de Realität umsetzen möchte. Wir Fünf haben uns auf eine artistische Reise begeben, die man nur gemeinsam antreten kann. Wir teilen uns Hotelzimmer, wenn wir auf Konzertreisen sind, fahren alle zusammen Tausende von Kilometern im Bus. So ein Zustand haut lediglich hin, wenn man Liebe füreinander spürt, auch Vertrauen. Ansonsten wäre das alles viel zu kompliziert.“
Zur Fertigstellung von ETRE OU NES PAS ETRE hat man mehrere Jahre benötigt. „Doch wenn wir uns mit der Sache beschäftigt haben, steckten wir Tag und Nacht tief in dieser Obsession drin“, erinnert sich der Mastermind des Kollektivs. „Manches Mal grenzte das Geschehen an pure Magie. Es war mal ekstatisch, mal schmerzhaft. Und stets aufwühlend. Das alles ist wie die Geburt eines Kindes. Eines Wesens, das man irgendwann loslassen können muss.“
MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK
Foto: Just For Kicks Music