Pop_News_20.08.26
SCHILLER - VÖLLIG LOSGELÖST
Gaswerk, Augsburg, 10.8.2023
Der Gaskessel ragt richtiggehend bedrohlich an diesem Montagabend direkt neben dem Konzertgelände in den Himmel. Das schreckt die Besucher freilich nicht ab: Gut 2.000 Besucher tummeln sich im Augsburger „Gaswerk“ an diesem nicht allzu heißen Sommerabend. Ein angenehmer Wind kühlt die in Vorfreude erwartungsvollen Gesichter. Zwar ist das beeindruckende Industriegelände nicht komplett ausverkauft. Doch das Deutsche-Charts-Nummer-1-Projekt Schiller unter der Ägide des 55-jährigen Elektronikspezialisten Christopher von Deylen wird kultisch verehrt, zieht stetig Live-Fans in die unterschiedlichsten Orte, für seinen originellen einprägsamen Electronica-Sound und das magische Bühnendesign. Das wird kongenial untermalt durch einen Weltmusik-cineastischen Soundtrack, der an Tangerine Dream, Jean-Michel Jarre oder die Ambient-Pioniere Aphex Twin erinnert.
Exakt zwei satte Stunden zwischen 20 - 22 Uhr wird der staunende Gast aus der kalten Realität „völlig losgelöst“ in eine positive Utopie gebeamt. Gerade mal fünf knappe Ansagen des norddeutschen Sound-Magiers unterbrechen den Flow. In einer stellt er seine wunderbare Gastmusikerin, die ukrainische Sängerin Viktoria Leléka sowie den ebenfalls aus der Ukraine stammenden Bandura-Spieler Yaroslaf Dzhus, mit schwärmerischen Worten vor.
Das Auge wird immer wieder von einer sanft ineinander übergehenden, ästhetisch einnehmenden Laser-Technologie umschmeichelt, so dass man ein überwältigendes, sämtliche Sinne reizendes Spektakel erlebt, bei dem Worte eher stören. Die insgesamt hochambitionierten vier Begleitmusiker und eine mehrköpfige Technik-Crew erschaffen so eine faszinierende Impression unseres schönen Multikulti-Planeten. „Der Klang ist im 360 Grad-Modus erlebbar“, hat Von Deylen schon im Vorfeld erklärt. „Er „wandert“ herum. Er „,marschiert“ zu den Besuchern. Ich hoffe jedenfalls, niemand wird diesen Abend jemals vergessen.“
Schiller startet den zweiständigen Auftritt als Solist mit beeindruckendem Elektronikpark, der aus brandneuen wie bewusst nahezu antiken Instrumenten besteht. Nach dem dritten Stück gesellen sich Bassist/Gitarrist und Schlagzeuger dazu und verpassen dem atmosphärischen Geschehen bei Songs wie „Empire Of Light“, „Liebe aus Asphalt“ oder „Der Klang der Stadt“ einen wuchtigen Groove.
Das letzte Drittel des Sets, die Sonne ist langsam im Untergehen begriffen, fühlt man sich akustisch an die Elektro-Pioniere von Tangerine Dream in all ihrer puren Schönheit erinnert. Um ab halb Zehn den Weg für die singende Derwisch-Person aus der Ukraine freizumachen. Das alles ist großes Kino, bis zum Anschlag gefüllt mit einschmeichelnden, visionären Klängen aus Ambient, Ethno und immer wieder zugänglichem Pop. Auch beinharter Techno spielt schon mal eine Rolle.
Manch einer im Publikum tanzt, ob alleine oder mit Partner, andere schwelgen einfach nur mit geschlossenen Augen, andere johlen ekstatisch. Aus dem nahezu paradiesischen Traum wieder aufzuwachen, fällt freilich sämtlichen Besuchern schwer. Selbst der mächtige Gaskessel scheint sich vor so viel Emotion in Würde zu verneigen.
Michael Fuchs-Gamböck
FOTOS: Mario Schwarz