Pop_News_25.09.26
PURPLE SCHULZ - 70 JAHRE (UND ZIEMLICH WEISE…)
Kinder, wie die Zeit vergeht: Unglaubliche 70 Jahre sind ins Land gezogen, seit Rüdiger Schulz alias Purple Schulz, wie er als Deep Purple-Freak seit seinem 13. Lebensjahr genannt wird, am 25. September 1956 in Köln das Licht der Welt erblickt hat. Das Alter vergisst man gerne, denn zumindest als Radiohörer labt man sich weiterhin an den regelmäßig ausgestrahlten Evergreens wie “Verliebte Jungs”, “Kleine Seen” oder dem dramatisch-unsterblichen “Sehnsucht” mit dem waidwunden Schrei “Ich will raus”. Allesamt entstanden in der Glanzzeit der Gruppe Purple Schulz zwischen 1984 - 1999. Das gesamte Werk von Purple Schulz pflegt folgende Stärken: Intelligente Texte zwischen gelegentlich bitterböser Ironie, ausgelassenem Witz und immer mal wieder steinerweichender Empathie plus tiefer Menschlichkeit paaren sich mit unverkennbaren Melodien, die einen auch in hundert Jahren noch angenehm verfolgen werden.
Rüdiger/Purple hat seinen runden Geburtstag zum Anlass genommen, um eine Dreifach-CD mit 57 Stücken als auch eine Doppel-LP mit 21 Liedern namens ICH HAB NICHT EWIG ZEIT - FÜNF JAHRZEHNTE IN LIEDERN & RARITÄTEN exakt an seinem Jubeltag in den Handel zu bringen. Bekannte Songs wie Exotisches wurden durch die Bank remastered. Entsprechend stolz und glücklich ist der optimistisch-sympathische Zeitgenosse auf seine musikalische Ausbeute. Blick zurück auf eine erstaunliche Karriere.
Was sind die Höhepunkte deiner über 40 Jahre dauernden Karriere? Und welche Ereignisse würdest du lieber ungeschehen machen?
Auf dem Höhepunkt sehe ich mich jetzt. Das mag für viele, die mich aus den Achtzigern kennen, seltsam klingen, aber tatsächlich fühle ich mich gerade so wohl wie nie zuvor. Seit 2012 arbeite ich eng mit meiner Frau zusammen. Sie macht nicht nur mein Booking und Management, sondern hat großen Anteil am Entstehen der Songs und Live-Programme, mit denen ich nach wie vor auf Tour gehe. Der Weg dahin war lang und bestimmt nicht leicht, aber am Ende haben auch alle Tiefschläge dafür gesorgt, dass ich heute da bin, wo ich immer sein wollte.
Wie kam es zum Entschluss, deinen 70. Geburtstag als Anlass für den opulenten Rückblick auf CD und Vinyl herzunehmen?
Weil ich nicht ewig Zeit habe. Auf dieser Werkschau mit 57 Titeln sind nicht nur die Hits, sondern von jedem meiner Alben mindestens drei Songs, die mir wirklich wichtig sind. Allein die Raritäten auf der dritten CD sind außergewöhnlich. Da gibt es beispielsweise noch nie veröffentlichte Live-Mitschnitte, oder die in Deutschland nie zuvor erschienene englische Version von „Sehnsucht“, deren Original-Master wir in den Londoner Abbey Road-Studios wiederentdeckt haben.
Was zeichnet ein Lied für dich persönlich mit dem Prädikat „typisch Purple Schulz“ aus?
Vielleicht ist es meine Liebe zur deutschen Sprache, die ausgesprochen präzise ist und es ermöglicht, die Dinge beim Namen zu nennen. Wenn ich mir anschaue, was gerade mit unserer Sprache geschieht, wird mir Angst und bange. Ich war immer ein Bewunderer Erich Kästners, der so klar und doch poetisch schrieb.
Wie siehst du selbst die künstlerische Entwicklungsgeschichte von Purple Schulz?
Der wichtigste Schritt war für mich, Konzerte nur noch im Duo zu spielen. Ich hatte das Gefühl, dass ich ansonsten zu meiner eigenen Cover-Band würde. Ich wollte den konzertanten Rahmen, in dem die Musik wieder die Hauptrolle spielt. In dieser kleinen Besetzung fanden die Songs wieder zurück zu ihrer Bedeutung. Und ich habe, vor allem bei meinen Konzerten im Osten, immer wieder gemerkt, wie groß der Hunger nach Geschichten beim Publikum ist.
Hast du es mal bereut, irgendeine Idee oder Vision nicht in die Realität umgesetzt zu haben?
Ich hatte als Musiker bis 2023 alles gemacht, was man machen kann. Ich stand mit der Band, im Duo, mit Symphonie-Orcherstern, Bigbands oder auch solo auf der Bühne. Was mir auf der Liste fehlte, waren Konzerte mit einer Musikerin an meiner Seite. Diesen Traum erfüllte ich mir 2024 bis 25, als ich mit Jördis Tielsch auf Tour ging. Das war so wunderbar, dass daraus ein Live-Doppelalbum wurde, das ich zu den schönsten Produktionen meines Lebens zähle.
Woher beziehst du in der Regel Inspiration für einen neuen Text - mehr von der „inneren“ oder mehr von der „äußeren“ Welt?
Von beiden, denn das Sein bestimmt das Bewusstsein. Vor allem sind es die vielen Gespräche mit meiner Frau, in denen wir versuchen, zu verstehen, was gerade in unserem Land und der Welt passiert.
Bringt es nach so vielen Jahren auf der Bühne immer noch Freude, live zu spielen? Oder ist dieser Akt inzwischen zur Routine erstarrt?
Die Konzerte halten mich am Leben. Das gemeinsame Musikerlebnis und die dabei entstehende Energie sind so viel gewaltiger als eine Show mit 4 LED-Wänden und 150 Scheinwerfern. Es geht mir um eine sinnliche Erfahrung, um Futter für’s Hirn und die Ohren, und natürlich auch für’s Herz. Das funktioniert einfach am besten in Theatern, Kirchen oder an ungewöhnlichen Orten.
Gibt es noch Pläne, in der Zukunft musikalisch etwas Neues auszuprobieren?
Aber ja! Seit 2019 spiele ich die 22-saitige Harpejji und bin wohl der einzige Künstler in Deutschland, der damit auf der Bühne steht und gleichzeitig singt, was gar nicht so einfach ist, wie es aussieht. Ich brauche immer etwas Neues.
Außerdem wage ich mich jedes Jahr an Songs heran, von denen ich nicht dachte, dass man sie im Duo spielen kann. Natürlich sind auch meine Hits im Programm, aber andere Zeiten brauchen auch andere Lieder, und die entstehen immer wieder. Derzeit bin ich mit dem Giessener Singer/Songwriter Norman Keil unterwegs und auch das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Wir harmonieren so perfekt, haben den gleichen, manchmal tiefschwarzen Humor und sind auf der Bühne ein Herz und eine Seele.
Kannst du dir vorstellen, irgendwann mal in den Ruhestand zu gehen? Und wenn ja, was müsste dafür passieren?
Vor meinem 60. Geburtstag hatte ich mal eine Krise und fragte mich, wie lange ich das noch machen kann. Aber dann war ich auf einem Leonard Cohen-Konzert. Er war damals 76 Jahre alt und spielte eines der besten Konzerte, die ich jemals gesehen habe. Da wurde mir klar: solange meine Stimme und meine Hände mitmachen, gibt es für mich keinen Ruhestand. Meine Stimme klingt immer noch wie damals. Warum also aufhören, wenn es doch gerade am schönsten ist?
MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK