Klassik_News_05.09.20
Salzburger Festspiele im Corona-Sommer - Ein Resümee

Salzburger Festspiele im Corona-Sommer - Ein Resümee

Nein, Mozarts schnell auf den Spielplan gebrachte (wenn auch aus Frankfurt recycelte) Così fan tutte musste in Salzburg nicht in Covid fan tutte umbenannt werden. Die sich trotzig gegen den allgemeinen Absage-Trend stemmende Salzachstadt, ist auch kein Festspiel-Ischgl mit flammenden Corona-Clustern geworden. Man ist hier intuitiv richtig und unaufgeregt einen gesunden Mittelweg gegangen, gut hygieneregelabgefedert.

Gut, man hatte das Glück, dass man erst vergleichsweise spät beginnen konnte, als viele Lockdown-Restriktionen schon wieder heruntergefahren worden waren. Und da man ein flexibles Baukastensystem mit Pop-Up-Möglichkeiten zwischen Oper, Konzert, Rezital, Schauspiel und Lesung an diversen Spielstätten ist, konnte man relativ kurzfristig manches beibehalten, vieles neukonzipieren und anderes auf nächsten Sommer transferieren.

Man wollte spielen, unbedingt, auch weil die schon durch die Absage der Oster- wie Pfingstfestspiele beunruhigte Tourismusindustrie darauf drängte. Eine Ausfallbürgschaft von Stadt und Land wurde ebenfalls zugesagt, um die anfallenden Verluste aufzufangen. Am Ende gab es knapp 110 Veranstaltungen in 30 Tagen, dafür wurden statt 240.000 Karten nur 76.000 verkauft – nachdem zunächst einmal 180.000 bereits für das reguläre 2020-Programm verkaufte Tickets zurückgenommen werden mussten. 8,7 Millionen Euro hat man so eingenommen, eine Platzausnutzung von 96 Prozent wird ausgewiesen, obwohl es er nach der Hälfte anzog, die Leute sich sicher fühlten. Und immer noch aus 39 Nationen sollen die Besucher den Weg gefunden haben. Respekt.

„Elektra“ und Così fan tutte“, die beiden Opernpremieren der Festspielheilgen Mozart und Strauss ebenso die Uraufführung von Peter Handkes etwas verblasenem Stück „Zdenĕk Adamec“ und der bis Caroline Peters als neue, auf der Torte herumstaksende Buhlschaft alten „Jedermann“ kamen gleich am ersten Wochenende heraus; das Hofmannsthal-Schauspiel als Longseller musste freilich selbst zu seinem 100. Jubiläum am 22. August wegen des ortsüblichen Schnürlregen im Saal statt vor der Domfassade gegeben werden.

Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler hatte die Parole ausgegeben, sie würde sich gegenüber den Gründern Reinhardt, Strauss und Hofmannsthal schämen, die selbst zwei Jahre nach dem ersten Weltkrieg in einer armen, von Hungernöten gebeuteten Restnation diese Festspiele möglich gemacht hätten, wenn sie sie jetzt angesichts der Pandemie ausfallen lassen würde. Und sie hat Recht behalten. Man musste sich die Dauertestungen des in drei Gruppen eingeteilten Personals insgesamt 400.000 Euro kosten lassen, aber trotz einiger Miniverdachtsalarme hinter den Kulissen, die sich alle als harmlos entpuppten, ist nichts passiert: weder Backstage noch im Vorderhaus.

Draußen gab es eine einzige Freiluftbar, ansonsten war die Gastronomie geschlossen. Es gab keinen Champagner und keine Pausen, und auch hinterher weder Partys und Sponsorenempfänge. Es war familiärer in diesem Salzburg-Sommer und mehr konzentriert auf die Kunst. Dazu gab es die wirklich schöne Ausstellung über das „Große Salzburger Welttheater“ in der Neuen Residenz, die bis Herbst 2021 zu sehen sein wird. Die Wiederholungstäter freuten sich, dass man wieder, wenn auch etwas lockerer über den Tag und die nur acht Spielstätten verteilt, die ortsübliche Mischung aus hochkarätiger Oper und Konzerten mit Weltstars genießen konnte.

Besonders berührend war genau zum Halbzeitwochenende der dreimalige Auftritt von Riccardo Muti mit den Wiener Philharmonikern. Denn wer hätte schon gedacht, dass ausgerechnet im Beethoven-Jubiläumsjahr dessen malträtierte Neunte zur tödlichen Virenbombe werden könnte! Verboten für Monate wegen Aerosole-Verwirbelungen im Orchester, aber mehr noch im Chor. Und unter dem 79 Jahre alten Muti, mit erratisch sprechender, die Musik gleichsam neu erschaffender Gestik war sie wieder da, wiedergeboren, Renaissance im Großen Festspielhaus. Mit über 85 Musikern und 79 endlich wiedervereinten Mitgliedern des Wiener Staatsopernchores. Wahrlich erhebend.

12 Opern-Vorstellungen, 29 Schauspielaufführungen, 53 Konzerte fanden so an der Salzach statt, ein Beinahe-Normalzustand. Man ging mit Maske zum Platz, saß im Schachbrettmuster, was für jeweils halbvolle Säle sorgte. Immerhin. Zu leiden hatten natürlich doch die Gastronomie und die teuren Hotels. Im Sacher oder im Goldenen Hirschen war man zu höchstens 20 Prozent ausgebucht.

Am Haus für Mozart prangte so beziehungsreich wie bewusst ein Plakat mit einem Spruch von Gründervater Hofmannsthal: „Wo der Wille nur erwacht, dort ist fast schon etwas erreicht.“ In Salzburg war in diesem besonderen Jubiläums- und Corona-Sommer das Wollen besonders ausgeschlafen. Hoffen wir nun das es auch im europäischen Kulturherbst nachhaltig vernommen wird und man, was die Durchführung von Opern und Konzerten angeht, daraus Lehren gezogen werden. So nämlich hätten die Salzburger Festspiele doch einen sehr besonderen, nachhaltigen Mehrwert. Manuel Brug

Foto - © SF / Marco Borrelli
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tonart Ausgabe Herbst 2020/3

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