Klassik_News_26.01.21
Simon Rattle wird Chefdirigent des Symphonieorchesters des BR

Simon Rattle wird Chefdirigent des Symphonieorchesters des BR

In München war ein Posten durch ein viel betrauertes Ableben vakant geworden. Es gab ein durchaus sympathisches Liebeswerben in einer Beziehung mit einem in langen Gastierjahren erfahrenen Kandidaten, bei dem die Chemie stimmt und sich solches durch Corona noch verdichtet hat. Zudem dankt der weißblaue König, der das alles absegnen muss, Ende Januar ab und wollte mit dieser wichtigen Personalentscheidung gerne noch sein Haus bestellen.
Und so wird jetzt, unter große Freude und Beifall, Simon Rattle ab Sommer 2023 der auserkorene Nachfolger für den vielgeliebten, am 1. Dezember 2019 nicht unerwartet, aber trotzdem plötzlich verstorbenen Mariss Jansons als Chefdirigent des weltweit geachteten Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BRSO). In Deutschland steht das in Reihe mit den Berliner Symphonikern, dem Leipziger Gewandhausorchester und der Dresdner Staatskapelle, auch wenn es sich noch deutlich aus der Komfortzone holen lässt. Der scheidende, durchaus schöngeistige BR-Intendant Ulrich Wilhelm hat diese Personalie eben verkündet.
Vorher aber hat der eben 66. Alt gewordene Sir Simon seinem enttäuschten London Symphony Orchestra mitteilen, dass er für sie leider kein Foto mehr haben und dort seinen Posten niederlegen wird, den er 2017 von Valery Gergiev übernommen hatte. Sein Vertrag läuft noch bis 2022. Er verlängert für ein Jahr, wird ab dann Ehrendirigent mit regelmäßigen Auftritten. Das ist bitter für die Briten, die mit dem berühmtesten lebenden englischen Dirigenten an der Spitze die Hoffnung verbanden, endlich einen eigenen Konzertsaal in London zu bekommen. Denn sowohl das Barbican Centre als auch die Royal Festival Hall im South Bank Centre sind akustisch nur ungenügend.
Aber auch wenn Rattle im hektischen, weil teuren und nur wenig Zeit für Proben aufbringenden Londoner Konzertleben mit vielen, schon in Berlin erprobten Programmen und Komponistenkombinationen sehr bequem und trotzdem gut gepunktet hat, die Halle wird nicht kommen. Die irrwitzigen Immobilen und -Baupreise, die mangelnde Spendenbereitschaft in einem nicht sehr kunstfreundlichen gesellschaftlichen Klima, der Brexit und schließlich die Corona-Finanzkrise haben das auf nicht absehbare Zeit verhindert. Warum also soll sich der inzwischen schlohweiße Lockenkopf weiter auf dieses unbequeme Kommando einlassen, zumal auch das Orchestertourneewesen vor einschneidenden Änderungen steht, wenn er es doch in München mehr als bequem hat?
Hier wurde Simon Rattle schon während seiner Zeit als Chef der Berliner Philharmoniker (2002-18) sehr geschätzt und regelmäßig eingeladen, das hat sich seit seinem dortigen Ausscheiden noch verstärkt; auch seine gern im Doppelpack mitreisende dritte Gattin, die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kozena (47), ist an der Isar gelitten. Ulrich Wilhelm kann mit dieser Berufung seine Ära würdig abschließen, reiht sich der berühmte Name doch bruchlos in die Galerie seiner BRSO-Vorgänger Eugen Jochum, Rafael Kubelik, Colin Davis, Lorin Maazel und Mariss Jansons ein.
Was strategisch zudem aus zwei Gründen wichtig ist: Auch auf den BR kommen im Zuge der laufenden Rundfunkgebührendiskussionen stramme Sparmaßnahmen zu; mit einem so bedeutenden Chef ist das Orchester einigermaßen abgesichert. Und Sir Simon, der mit Frau und seinen jüngeren drei von fünf Kindern in Berlin wohnen geblieben ist, kann sofort in die anstehende Kampagne um den neuen, beschlossenen und bereits im Architekturwettbewerb abgeschlossenen Konzertsaal im Münchner Werkviertel einsteigen. Den zahlt zwar die Staatsregierung, Hauptnutzer wäre aber das BRSO. Markus Söder hat das Projekt bereits zu einer Ministerpräsidentenangelegenheit erklärt, aber angesichts der steigenden Kosten und der finanziellen Post-Pandemie-Probleme wäre ein so glanzvoller, zudem kampagnenerfahrener Name unbedingt von Nöten, um das Wolkenkuckucksheim auch klingende Wirklichkeit werden zu lassen. Rattle, der hier auch viel für Education tun kann, ergänzt mit seinem buntscheckigen Repertoire gut das beim BRSO Vorhandene. Auch in die berühmte Musica-Viva-Reihe mit Zeitgenössischem wird er sich bestens einfügen.
Womit in München andere mögliche Dirigenten wie der ewige, aber nicht wirklich geliebte britische Kronprinz Daniel Harding und der Österreicher Franz Welser-Möst, der bei seinem amerikanischen Cleveland Orchester eben bis 2027 verlängert hat, aus dem Rennen sind. Ebenfalls steht der vom BRSO umschwärmte Yannick Nézet-Séguin (45) nicht zur Verfügung, der mindestens eine seiner drei Chefstellen in Montreal, beim Philadelphia Orchestra oder an der New Yorker Metropolitan Opera (wo er im Lockdown des weiterhin seit März unbezahlten Orchesters keine gute Schutzfigur gemacht hat) aufgegeben müsste. Wird Rattle eher als eine Art Elder-Statesman-Übergangskandidat für den Kanadier fungieren? Kommt der dann vielleicht ab 2028? Weitere Yannick-Gastdirigate, sobald das Reisen wieder möglich ist, werden das weisen.
In der Zwischenzeit sind freilich die Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunk für diesen Coup zu beglückwünschen. Sie, das überalterte Münchner Konzertpublikum und die allzu konservative Programmplanung haben den immer noch knusprigen Briten mit dem schlechten Deutsch unbedingt nötig. Und er kommt dort blendend an, bei den Spielern, den Hörern, sogar den Kritikern: das wirkungsbewusste München leuchtet halt gern im Licht der herbstlichen Starglanzsonne. Und das alles nicht einmal eine Flugstunde von Simon Rattles Domizil an der Berliner Rehwiese entfernt.
Manuel Brug
Bild © Jim Rakete
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tonart Ausgabe Frühjahr 2021/1

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