Klassik_News_30.04.21
Misstöne bei den Thomanern

Misstöne bei den Thomanern

Der weltberühmte Leipziger Thomaschor hat als 35. Kantor einen katholischen Schweizer berufen. Und plötzlich regt sich Widerspruch

Tradition. Elite. Aufbruch. Drei Schlagworte, die sich in fast jedem Auto-Werbespot finden lassen könnten. Hier aber charakterisieren sie eine der ehrwürdigsten, zumindest ältesten Institutionen im Land der Dichter und Denker. Denn noch älter als Orchester und Akademien, Theater und Museen sind die Chöre, besonders die der Knaben. Doch gerade Institutionen sind nicht vor der Verknöcherung gefeit, können schnell abgehoben wirken. Nicht mehr zeitgemäß.

1212 wurde der Leipziger Thomaschor gegründet, heute ist er weltberühmt. Vor allem wegen seiner Bedeutung für die protestantische Kirchenmusik mit ihrer Blütezeit zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert, verkörpert durch die 34 Thomaskantoren seit der Reformation. Nummer 17 war der großartigste: Johann Sebastian Bach, der ab 1723 für 27 höchst fruchtbare Jahre amtierte. Und auch der im Pandemiewinter 2020 berufene 35. Thomaskantor könnte etwas Besonderes werden: Der aus vier Kandidaten in der Endrunde bestimmte 45-jährige Andreas Reize ist nämlich nicht nur Schweizer, sondern auch Katholik.

Könnte. Denn der Thomaschor ist eine immens traditionsgesättigte Institution, die sich ganz besonders in der Kulturstadtlandschaft des offensiv als Musikmetropole werbend auftretenden Leipzig immer auch als extrem elitär gesehen hat. In Leipzig ist man nicht nur im Thomaschor, da ist man Thomaner. Ein ganzes, weit über die aktive Chorknabenexistenz hinaus reichendes Leben lang.

Anderswo würden die fremde Nationalität wie abweichende Konfession eines Chefs im beruflichen Alltag von weitgehend untergeordneter Bedeutung sein. Für den Thomaschor aber bedeutet eine solche Personalie einen gehörigen Aufbruch. Vielleicht auch zu viel Aufbruch: die ehrwürdige Institution weiter zukunftsfähig zu machen. Mit einem Thomaskantor von außen, von ganz weit weg.

Vielleicht ist aber gerade auch eine solche Erwartungshaltung zu viel des Guten. In Leipzig regt sich Widerstand – nach der begeistert aufgenommene, selten einstimmigen, transparenten und von einer Expertenkommission geleiteten Berufung von Andreas Reize im Dezember, der hocherfreut angenommen hatte und im Herbst sein Amt antreten soll. Der Chor selbst zweifelt plötzlich diese Bestallung an, wohlgemerkt die für das Amt des renommiertesten Kirchenmusikers weltweit, und stellte mittels eines offenen Briefes Reizes musikalische Fähigkeiten in Frage. Brutalstmöglich. Der Schweizer sei „auf keinen Fall“ geeignet. Er habe bereits bei seinen Probechorstunden „bei fehlenden Einsätzen, falschen Tönen und Intonationsproblemen nicht sofort eingegriffen und diese Dinge auch nicht benannt und ausgebessert“. Wumm!

Der ganze Chor probt hier den Aufstand? Mitnichten. Es waren wenige aus den 11. und 12. Klassen der nach dem Stimmbruch noch weiter mitsingenden Obernschaft, die sowieso bald ausscheiden werden und sich nun öffentlich eine Stimme geben. Denn der Thomaschor, dessen Mitglieder alle auf das ebenfalls seit 1212 bestehende Gymnasium gehen – das sind in der Mehrzahl minderjährige und damit durchaus manipulierbare Knaben. Ausgesetzt den Einflüsterungen der ehrgeizigen Eltern, den Pädagogen, der Obernschaft und den einflussreichen Ehemaligen, den Alumni. Sie hätten zwar mitreden dürfen, aber ohne Stimmrecht, zetern sie.

Peinlich. Hatte nicht kürzlich in Berlin eine Mutter vergeblich ihre Tochter in den weiterhin nur Jungs vorbehaltenen Staats- und Domchor einklagen wollen, und die musikgeschichtlich bedeutende Institution Knabenchor der Gestrigkeit geziehen? Das wurde abgewendet. Und jetzt macht sich doch ein rückwärtsgewandter Chor lächerlich vor einer längst diverser, inkludierender denkenden oder zumindest solches fordernden Welt.

Steht das als Handelsplatz und Bürgerstadt traditionell weltoffene Leipzig blöde da? Mitnichten! Klar, hinter vorgehaltener Hand und nach dem dritten Bier raunt man schon mal, es könne jetzt doch Schluss sein mit all den Wessis in den besten Kulturpositionen. Aber dann hat man doch sehr gern 2015 den Letten Andris Nelsons als 21. Gewandhauskapellmeister berufen. Also geht es hier nicht um Leipziger oder sächsische Engstirnig- oder gar Fremdenfeindlichkeit. Bachfest-Chef Michael Maul, der dem Chor sofort nach Bekanntwerden der unrühmlichen Neuigkeit „als euer Bruder in der gleichen Sache“ einen seitenlangen Brief geschrieben hat, bringt es auf den schlichten Punkt: „Corpsgeist“. Falsch verstandener nämlich.

Die dünkelhaften Thomaner und ihre engstirnige Historie, darum geht es. Maul macht klar: „Wenn ich zurück in die Chorgeschichte blicke, basiert die große Tradition, auf die sich der Thomanerchor beruft, doch in großen Teilen auf der Arbeit von Protagonisten, die mit dem Chor erstmals in Berührung kamen“ – angefangen mit dem Thüringer Johann Sebastian Bach.

Doch das Ausspielen des Heimvorteils, gerade der hat in der jüngeren Chorgeschichte traurige Tradition. Im Zurückweisen von Auswärtigen, dem Kochen im eigenen Mustopf, fühlt man sich offenbar stark, obwohl es nur den intern fehlenden Weitblick manifestiert. Auch hinsichtlich der hier lange erst mit Verzögerung beherzigten Erkenntnisse der historisch informierten Musizierpraxis. Zumal bei der Reize-Berufung zunächst eitel Freude herrschte, selbst die unterlegenen Kandidaten, auch der jetzt in dem schändlichen Brief favorisierte Leipziger Universitätsmusikdirektor David Timm seine Wahl anerkannten.

Schon taucht wieder das schlechte Beispiel von 1992 immer noch stinkend aus dem internen Intrigensumpf auf. Als damals Thomaskantor Hans-Joachim Rotzsch zurücktreten musste, nachdem seine IM-Tätigkeit für die Staatssicherheit bekannt geworden war, wurde der rheinische Darmsaiten-Dirigent Hermann Max erwählt. Worauf es disharmonische Chorproteste gab und Max schnell hinwarf. Man habe „Unheil vom Chor abgewendet“, tönte es dem angeblichen Besserwessi hinterher. Es folgte bis 2015 der immerhin sachsen-anhaltinische Georg Christoph Biller. Seither leitete der jetzt 68-jährige Zwickauer Gotthold Schwarz den Chor.

Nun aber brennt in Leipzig die Luft. Die Thomaner sind Tafelsilber, Thomana nennt sie inzwischen die untrennbare Trias aus Thomaskirche, -chor und -schule. In der „Leipziger Volkszeitung“ quellen die Leserbriefspalten über, jeder mit maßgeblicher wie unmaßgeblicher Meinung meldet sich auch sonst öffentlich zu Wort.

Alle außerhalb des Chores (in dem auch der gegenwärtige Thomaskantor, der vor zwei Jahren von seinem pensionsbedingten Ausscheiden erfahren hat, keine rühmliche Rolle spielt) samt Thomaspfarrer plädieren weiterhin vehement für Andreas Reize. Der Rat der Stadt inklusive der AfD hat sich neuerlich für ihn ausgesprochen. Die Gewandhausmusiker, die jeden Freitag und Samstag mit den Thomanern Motettendienst haben, schwärmen. Oberbürgermeister Burkhard Jung sprach also ein Machtwort, um den miesen Aufstand im Keim zu ersticken und berief sogar eine modische Mediatorin.

Und der besonders für seine pädagogischen Fähigkeiten gerühmte Reize selbst? Der schweigt fein still, brennt für sein Amt und will ruhig im September beginnen. Man würde ihm jetzt, jenseits der Minderheit arroganter Alumni wie verkrampfter Traditionsklammeraffen, gern schon ein herzliches „Grüezi Wohl“ entgegenschmettern. Schade, dass Johann Sebastian Bach, der bei seiner Berufung übrigens nur dritte Wahl war, keine gleichlautenden Kantate geschrieben hat. Aber immerhin die Nummer 20, die passt auch: „O Ewigkeit, du Donnerwort“. Der Thomaschor er ist und bleibt eben doch größer als einige der gegenwärtigen Thomaner. Manuel Brug

Bild © Matthias Knoch
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tonart Ausgabe Frühjahr 2021/1

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