Klassik_News_26.06.26
DAS SCHWEINSBRATENKONZERT - ZWISCHEN KLAMAUK UND KLASSIK

DAS SCHWEINSBRATENKONZERT - ZWISCHEN KLAMAUK UND KLASSIK

Die gastronomische Organisation ist bestens strukturiert: 440 Scheiben Schweinefleisch und ebenso viele Kartoffelknödel für die 220 Besucher im restlos ausverkauften Türkenfelder Gasthof Hartl „Zum Unterwirt“ (abzüglich der wenigen Vegetarier im Saal), in der Spielpause 220 Erdbeer-Desserts. Auf der „Hartl“-Bühne selbst geht es zwischen 20 - 23 Uhr um einiges weniger strukturiert zu. Angekündigt sind Andreas Martin Hofmeir an der Tuba, der Moldawier Vladislav Cojocaru samt Akkorden, die Geschwister Maria und Matthias Well mit Cello bzw. Violine. Das Quartett ist zwar vor Ort, aber selten irgendwo gemeinsam.
„Schweinsbratenkonzert“ nennt sich die Veranstaltung am 18. Juni 2026 im Rahmen des Klassikfestivals „AMMERSEErenade“, das zum 13. Mal in der oberbayerischen Fünf-Seen-Region stattfindet. Wobei dieser Auftritt mit Sicherheit der unkonventionellste des ganzen Programms 2026 ist.
Nicht nur dass der ehemalige Personal Trainer des früheren US-Präsidenten Bill Clinton gleich zu Beginn Musiker wie Publikum zu sportlichen Aktivitäten animieren möchte, wofür er nach kurzer Zeit von der Bühne gebuht wird. Auch sonst wird zwischen den gespielten Stücken mit Worten nicht gegeizt. Vor allem nicht von „Andi“ Hofmeier, schließlich ist der Mann im Nebenberuf Kabarettist, gesegnet mit mal urigem, mal derbem bayerischem Humor.
Obwohl bei aller Sprücheklopferei eindeutig die Musik im Vordergrund steht, schließlich haben sich hier Großmeister ihres Instruments gefunden. So ist Hofmeir Professor an der Universität „Mozarteum“ in Salzburg. Cojocaru hat sein Studium an der Richard-Strauss-Universität in München mit gleich zwei Diplomen abgeschlossen. Maria Well war bereits mit 15 Jahren Cello-Jungstudentin an der Hochschule für Musik und Theater in München. Bruder Matthias leitet seit 2023 das ehemalige „Salonorchester“ des Bayerischen Rundfunks.
Nachdem Festivalleiterin Doris M. Pospischil die Combo vorgestellt und die Ehrengäste Thomas Goppel, den ehemaligen Bayerischen Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, sowie den aktuellen „Artist & Journalist In Residence“ an der Erzabtei St. Ottilien, den Kurt-Tucholsky-Preisträger Alexander Estis, begrüßt hat, beginnt der kunterbunte Reigen. Das Volk ist satt, die Artisten hingegen sind hungrig auf Action.
Los geht’s mit einem für die Klampfe gedachten Volkslied - intoniert aber nicht von einer Gitarre, sondern von Violine und Tuba. Zum zweiten Stück gesellt sich das Akkordeon. Und ab Lied Nummer 3 sind lediglich Tuba und Akkordeon zu hören und zu sehen. Nur folgerichtig, denn dabei handelt es sich laut Hofmeir um einen „dänischen Tango“. Gleich darauf folgt das Edith Piaf-Chansonevergreen „La Vie En Rose“. Der „Andi“ meint trocken dazu: „Stellen Sie sich vor, ich bin die Edith. Das sollte kein Problem sein, denn die Tonlage von meiner Tuba und der Piaf sind absolut identisch.“
Ab sofort wir der Stilbogen der beiden Herren weit gespannt: Von Mozart über einen Landler, der stark an die Formation Haindling erinnert, hin zu einem Astor Piazzolla-Tango und einem brasilianischen Samba. Ach ja, der Samba ist das letzte musikalische Lebenszeichen vor der (Dessert-)Pause. Wie von Geisterhand ist der Vierer wieder komplett auf der Bühne.
Der zweite Set startet mit dem feurigen feurigen russischen Zigeuner-Traditional „Two Guitars“. Auch hier fehlt die Gitarre, stattdessen gibt es Geige, Cello und Akkordeon. Danach begeben sich alle Anwesenden mit dem Trio auf eine wilde musikalische Weltreise. Die führt vom Ammersee über Indien nach Irland und schließlich nach Argentinien. „Und weil wir nicht in Frankreich vorbei gekommen sind“, bedauert Maria Well, „ spielen wir jetzt ein todtrauriges Chanson von Charles Aznavour, „La Boheme“, das er für Edith Piaf komponiert hat.“
Schließlich bringt uns der Trip zum „Ungarischen Tanz Nr. 1“ von Johannes Brahms, gleich darauf stranden wir in Österreich beim Komponisten und Violinisten Fritz Kreisler, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch in den USA sehr beliebt war. Danach zurück gen Ungarn, schließlich stammt bei Familie Well der Großvater mütterlicherseits aus eben jenem Land.
Der letzte Song als Trio ist der Mary Hopkin-Folkklassiker „Those Were The Days“, bevor das Finale wieder vom Vierer bestritten wird. Und weil der Applaus schier nicht enden will, werden die euphorisierten Besucher mit der „Wuiden Polka“ entlassen. Passender als es die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ einst geschrieben hat kann man es nicht formulieren: „Nach dem Schweinsbraten hört man besser.“

MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK
Foto: PETER SZALATA
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